Der moderne Mann
Weinstein und die Folgen (Teil II)

Nach dem Weinstein-Skandal müssen Herr K. und seine männlichen Kollegen an einem Gender-Awareness-Workshop teilnehmen. Während sie auf die Moderatorin warten, geben sie ihre Meinung über das Thema zum Besten.
  • 0

Seit einer Stunde sitzt die Herrenrunde nun sehr gleichgeschlechtlich beieinander. Herr K. und seine fünf Kollegen warten auf die Moderatorin ihres Gender-Awareness-Workshops. Aber niemand kommt. Im fensterlosen Konferenzraum 2–14/4302/IV ist nur das Wimmern der Klimaanlage zu hören, bis sich der braun gebrannte Berger aus dem Marketing ein Herz fasst: „Sind wir nach diesem Harvey Weinstein jetzt alle wieder Kriminelle?“
Er schaut sich hilfesuchend um. „Gibt doch auch ... äh ... also ... einvernehmlichen Sex.“

Alle starren ihn über die weihnachtliche Keksmischung hinweg an. „Klar, vor allem mit Ihren Messe-‚Praktikantinnen‘, was?“, lästert Koslowski und malt die Apostrophe in die Luft. „Was wir natürlich noch mehr brauchen als diesen Workshop, sind Ihre ewigen sexistischen Witzchen“, mault Schmidt-Scheckenbach, der mit seiner Controller-Seele und den unsäglichen Strickpullundern eh nie eine abkriegt, denkt sich Herr K. Aber das sagt er jetzt lieber nicht.

Vielleicht ist ja gerade so was wie Geschlechter-Teamspirit gefragt. Und vielleicht ist der große Spiegel an der Wand eigentlich ein Fenster und dahinter beömmeln sich gerade ein halbes Dutzend Gender-Wissenschaftlerinnen in weißen Kitteln über dieses Häufchen Herren-Elend mit Keksmischung. Herr K. pult sich gerade die Vanillekipferl raus, als Koslowski wieder ansetzt: „Wir sind doch alle arme Schweine. Wie man‘s macht, macht man‘s falsch. Wie Hans-Joachim Kiderlen.“ Alle schauen ihn fragend an, also fängt er an zu erklären.

Kiderlen, pensionierter Diplomat. Podiumsdiskussion. Er hatte die eingeladene Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli nicht erkannt. Versuch einer Rettung mit total schiefgegangenem Kompliment: „Ich habe keine so junge Frau erwartet. Und dann sind Sie auch noch so schön.“ Frau Chebli schrieb daraufhin „unter Schock“ auf Facebook, einen derartigen Sexismus habe sie noch nie erlebt.

Die Reaktionen der Herrenrunde auf die Causa Kiderlen fallen facettenreich aus: Berger will wissen, „wie diese Chebli denn aussieht“. Spreekamp und Schmidt-Scheckenbach finden die Tonlage der Politikerin „definitiv too much“. Lasse, der Abteilungsrepräsentant der Generation Y, mahnt, „dass sie schon selber wissen muss, wann sie sich falsch behandelt fühlt, und dass ich mich da total gut reinversetzen kann“. Koslowski schlägt vor, „dass all diese Doppelnamen-Emanzen sich mal um echte Sexisten kümmern sollen ... Bauarbeiter, Dieter Bohlen und Flüchtlinge aus Maghreb-Staaten“.

Herr K. sagt gar nichts. Er kaut die letzten Vanillekipferl, weil er annimmt, dass die Wissenschaftlerinnen hinter der verspiegelten Fensterscheibe mittlerweile vor Lachen zusammengebrochen sind. In diesem Moment wird die Tür des Konferenzraums aufgerissen (Fortsetzung folgt).

Welche Erfahrungen machen Sie selbst mit dem Genderthema? Mail an: herr.k@handelsblatt.com

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

Kommentare zu " Der moderne Mann: Weinstein und die Folgen (Teil II)"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%