Der moderne Mann
Weinstein und die Folgen (Teil IV)

Herr K. wähnt sich beim Gender-Awareness-Workshop in einem Laborexperiment feministischer Soziologinnen. Die Kollegen drehen langsam durch. Möchtegern Koslowski hat in Lasse, die Pussy, sein Opfer gefunden.
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Sechs Männer sitzen in einem tageslichtfreien Konferenzraum und warten seit nunmehr drei Stunden auf den Beginn ihres Gender-Awareness-Seminars. „Die kommt nicht mehr“, sagt Controller Schmidt-Scheckenbach. „Meinen Sie jetzt die Workshop-Leiterin oder die Schnecke aus der Kaffeeküche?“, grinst Koslowski anzüglich. „Und jetzt folgt als Pointe sicher, dass Sie der beim Kommen noch mal helfen könnten“, murmelt der Elternzeit-Rückkehrer Spreekamp, worauf Koslowski blafft: „Ach, sind Sie jetzt moralisch was Besseres, weil Sie ein halbes Jahr Windeln gewechselt haben, oder was?“

„Hat er ja nicht mal“, mischt sich der braun gebrannte Berger aus dem Marketing ein. „Der feine Herr hat die Elternzeit ja für eine Weltreise missbraucht.“ Herr K. ist längst sicher, dass sie Teil eines Laborexperiments feministischer Soziologinnen sind, die sich hinter dem verdächtigen Spiegel an der Wand gerade halb totlachen über diese Herrenrunde.

„Könnt ihr nicht alle mal die Klappe halten!“, schreit Lasse, ihr Generation-Y-Repräsentant. Der Work-Life-Balance-Lasse. Der Beckenrandschwimmer, Tretboot-Führerschein-Macher, die Pussy. So hat ihn Koslowski schon genannt. Aber Lasse dreht jetzt auf: dass ihn Typen wie Harvey Weinstein genauso ankotzen wie Koslowski; dass ihn aber auch die ewigen Geschlechterdebatten unfassbar nerven. Und dass er nicht mehr weiß, was für ein Typ Mann denn nun gefragt sei.

An einem Tag werden „neue Väter“ proklamiert, am nächsten fordern Journalistinnen die „Rückkehr der Machos“, denen tags darauf dann „Manspreading“ vorgeworfen wird, weil breitbeiniges Sitzen anscheinend auch schon sexuelle Belästigung darstellt. Kurz darauf ist der Mann an sich mal wieder in der Krise. „So stand das neulich auch im‚ Spiegel“, sagt Schmidt-Scheckenbach. Aber der habe sich „das Thema Paarbeziehungen ja eher auf theoretischer Ebene erschlossen ... Youporn und so“, feixt Koslowski.

„Jetzt lassen Sie den armen Kerl doch endlich in Ruhe!“, schreit Spreekamp. „Wir Männer müssen uns doch schon genug anhören. Und dann fordert mich die ‚Süddeutsche‘ auch noch auf, meinem Sohn einen Puppenwagen zu kaufen, wenn ich ‚Rollenklischees vermeiden‘ will.“

„Und, kaufen Sie ihm auch gleich noch ‘ne Barbie, oder ist die dann wieder zu rollenfixiert?“, fragt Berger und steht auf: „Ich hab jetzt lange genug gewartet.“ Schade eigentlich, denn ihr Gender-Awareness-Seminar war gerade richtig aware geworden. Beim Rausgehen sucht Herr K. die Wand ab, wo er den geheimen Standort der Soziologinnen vermutet. Aber dort ist nichts. Stattdessen steht plötzlich Firmenchef Reschke vor ihnen. Der Alte will wissen, wie‘s war. Weil er blöde Blondinenwitze schätzt, sagt Herr K.: „War nett. Aber Höhepunkt war der Auftritt der neuen Kaffeeküchenfee.“ Reschke versteinert: „Freut mich, dass Ihnen meine Tochter gefallen hat.“ (Ende)

Welche Erfahrungen machen Sie selbst mit dem Genderthema? Mail an: herr.k@handelsblatt.com


Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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