Der moderne Mann
Weniger Motivations-Floskeln, bitte!

Herr K. findet sich selbst zu nett – vor allem wenn er wieder vor seiner Abteilung steht. Eigentlich will er ehrlicher sein, doch in der Zeit des Teambuildings gelingt ihm das nicht. Früher ging das irgendwie besser.
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Wie er diese gute Laune hasst! Diesen Jo-wir-schaffen-das-Zweckoptimismus! Diesen ganzen Harmonie-Quatsch! Er schaut aus dem Bürofenster. Es ist Montagmorgen, halb neun. Traurigster Herbst. In einer halben Stunde muss Herr K. seine Abteilung wieder zu Höchstleistungen animieren mit dem lächerlichen Selbstbetrug, dass die dazu überhaupt fähig wäre.

Früher ging’s doch auch mit schlechter Laune und bitteren Wahrheiten. Herr K. war damals noch nicht auf der Welt, aber das deutsche Wirtschaftswunder wurde schließlich nicht von Sozialtherapeuten angeführt, sondern von überwiegend knorzigen Machern.

Er kann sich nicht vorstellen, dass Typen wie Max Grundig und Leo Kirch mit ihren Leuten Teambuilding im Bällebad geprobt hätten, selbst wenn es das damals schon gegeben hätte. Aber heute geht ja nix mehr, ohne dass man auch noch dem größten Versager und Low- bis Gar-nicht-Performer versichert, wie wertvoll sein Beitrag für den Erfolg des gesamten Unternehmens ist.

Herr K. verdreht die Augen. Dieser ganze Schwindel, wann begann der? Mit diesen „Tschakaa“ schreienden „Motivationsgurus“, die für teuer Geld Mehrzweckhallen voller aufstiegsorientierter Mittelschichts-BWLer belogen? Nee, es schafft eben nicht jeder. Manche wollen es gar nicht. Andere können es schlicht nicht, auch wenn sie sich noch so viel Mühe geben. Das hat auch nix mehr mit gläsernen Decken zu tun, sondern mit Eignung oder schlichtem Glück.

Dennoch muss er selbst dem talentfreiesten Vollhorst heute in blumigstem Waldorf-Timbre sagen: „Du, ich find’ das ganz toll, wie du dich eingebracht hast. Lass uns nur demnächst noch mal über die Key-Issues sprechen.“ Angesprochen war in diesem Fall ein stinkfauler, renitenter, die Abteilungsstimmung seit Jahren aufheizender Giftzwerg, den man gar nicht mehr in Kundennähe lässt, sondern – klar – mit der Organisation interner Motivations-Incentives beschäftigt.

Eigentlich müsste man die Hälfte rausschmeißen und die andere in ein Bootcamp schicken, grübelt sich Herr K. weiter in seine Montagmorgen-Tristesse. Wäre das nicht alles ehrlicher als diese konfliktscheuen Wohlfühlfloskeln? Wenn überhaupt mal jemand mit so was wie einer Idee kommt, muss Herr K. begeistert loben: „Das ist ein superinteressanter Ansatz“ – und denkt doch schon gleichzeitig: „Machen wir natürlich nicht, wenn wir noch einen Funken Restverstand haben, du Idiot.“

Er hat die Phrasen ja alle abrufbereit: „Ich bin im Prinzip ganz bei dir“, hieß früher: „Eher schneid’ ich mir die Pulsadern auf, als dich da zu unterstützen.“ Aber das hat jetzt alles keinen Sinn. Er muss los.
Und dann steht er schon vor seinem Team, das er mit einem kräftigen „Halloooo, Lieblings-Team“ begrüßt. Die anderen lassen sich nichts anmerken, finden aber das Nettigkeits-Geschwätz von Herrn K. mal wieder schrecklich unauthentisch.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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