Der moderne Mann
Wenn Adventskalender lebendig werden

Für Herr K. sind „lebendige Adventskalender“ nicht mehr das, was sie mal waren. Er sieht sie eher als eine Leistungsschau der eigenen ökonomischen Möglichkeiten. Deshalb geht es bei ihm zu Hause noch bescheiden zu.

Bis vor wenigen Jahren waren „lebendige Adventskalender“ charmante Möglichkeiten, zwanglos die eigenen Nachbarn und/oder andere Mitglieder der Kirchengemeinde etwas näher kennen zu lernen: An den 24 Tagen vor Weihnachten bittet man sich reihum allabendlich zu einem kurzen Beisammensein. Doch was als Abfolge von Kleinstveranstaltungen begann, ist in manchen Kreisen mittlerweile zu einer Leistungsschau der eigenen ökonomischen Möglichkeiten geworden.

Es ist Samstag, der 12. Dezember, und Herr K. steht mit seiner Frau in der Gartenanlage von Familie Schlötzenreuther herum, die sich als stille Gesellschafter eines Weltmarktführers im Bereich Lebensmittel-Kartonagen sonst eher zurückhaltend geben. Ein Dutzend illuminierte Plastik-Rentiere weisen den Weg zum Garten-Pavillon. Auf dem Dach funkelt eine riesige „12“, die auch für den Linienflugverkehr noch sichtbar sein dürfte.

Schon stimmt die ukrainische Geigenlehrerin mit Cosima, der jüngsten Tochter des Hauses, „Jingle Bells“ an. Die Liedzeilen dazu hat die Nanny bei songtexte.com heruntergeladen und auf handgeschöpftem Büttenpapier ausgedruckt. Dann tritt ein Streichquartett aus Oberstufen-Altsprachlern des humanistischen Gymnasiums auf mit einem Medley bekannter Weihnachts-Weisen.

„Das ist eine Armenspeisung gegen das, was Minnemanns aufgefahren haben“, raunt Herrn K.s Frau. Er schaut fragend, weil er auch nicht jeden Advents-Abend unterwegs sein kann, also flüstert sie ihm zu: „Die hatten sich für den 8. aus Lech eine Schneekanone besorgt und den gesamten Südflügel ihrer Villa beschneien lassen. Begleitet wurde das Gesinge von einem Trompeten-Trio, das von einem Prager Konservatorium eingeflogen werden musste.“

Final kredenzt Familie Schlötzenreuther dann zwar Zimt-Mousse an Lebkuchen-Parfait. Aber ein Absturz sind ausgerechnet die Bethmännchen, die Cosima mit ihrer Mutter selbst gebacken hat... steinhart und nicht zu vergleichen mit den kulinarischen Pretiosen bei Familie Strielow am 4. Dezember (er ist Vorstand einer großen Cateringfirma): Sie hatten eigens einen Zwei-Sterne-Koch engagiert, der im Santa-Claus-Kostüm dauernd „Ho, ho, ho“ rufen musste und „Dreierlei von der Dithmarscher Gans“ anbot – bis sein Wattebart über dem Weber-Grill in Flammen aufging.

„Und was machen wir so?“, fragt Herr K. auf dem Nachhauseweg, wohlwissend, dass sie nur vier Tage später dran sein würden. „Ich habe eine original-syrische Flüchtlingsfamilie engagiert, die ein Krippenspiel aufführt“, sagt seine Frau. Herrn K. entgleisen die Gesichtszüge, bis sie lacht: „Nur ’n Scherz. Es gibt Lebkuchen und Glühwein aus dem Supermarkt… und der Pastor schaut vorbei. Bescheidenheit ist der neue Luxus.“

Es wird sicher nett, auch wenn klerikale Begleitung die meisten ihrer Nachbarn mittlerweile eher irritiert.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.
Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K.auf Twitter: @herrnK

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