Der moderne Mann
Wenn die Miles kein More mehr bieten

Die neue Karte von der Lufthansa ist da. Herr K. hat seinen Status als Vielflieger verloren - und stürzt damit in die Existenzkrise. Ist man ein Verstoßener, wenn einem der Zugang zur überfüllten Lounge verwehrt bleibt?
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Es gibt schlimme Momente im Leben einer mittleren Führungskraft wie Herrn K.: Wenn man wegen mieser Quartalszahlen vom eigenen Team hingerichtet wird zum Beispiel. Oder wenn ein intellektueller Nacktmulch wie Koslowski plötzlich eine Fensterachse mehr Büro bekommt. Die Apokalypse allerdings kündigt sich an, wenn die Lufthansa eine neue Miles&More-Karte schickt, denn Herr K. war bis dahin Frequent Traveller. Mehr Degradierung geht eigentlich nicht, auch wenn die Fluggesellschaft die Niederlage diskret verpackt und ihn beglückwünscht zu der neuen ultramarinblauen Karte. Vorher war sie nun mal Silber.

Nehmt einem deutschen Manager seine Laptoptasche weg, seine Schweizer Uhr oder seinen Hartschalen-Rollkoffer mit Teleskop-Stange, ganz egal - aber beraubt ihn niemals seines einmal erflogenen Meilen-Status! Herr K. sitzt vornüber gebeugt an seinem Schreibtisch und starrt auf den Brief, den seine Sekretärin schon geöffnet hat. Er sah es natürlich kommen. Die Zahl seiner Geschäftsflüge ließ zuletzt stark nach. Und die Lufthansa warnte höflich. Immer wieder kam Post, die ihn darauf aufmerksam machte, wie viele Meilen ihm noch fehlten, um auch weiterhin in den Genuss hoffnungslos überfüllter Businesslounges, staubtrockener Brötchen und endloser Schlangen vor dem angeblichen Schnell-Check-in zu kommen. Haha, so war's doch, oder nicht?

Das ist doch alles ein legales Drogenprogramm, diese Meilen-Sammelei, grübelt Herr K. sich in Rage. Und wofür? Klebrige Haribos in der Lounge und die milchglasscheiben-verwehrte Aussicht auf das Senator-Refugium, wo das wahre Vielflieger-Paradies wartet. Und dann noch dieses unwürdige Klassensystem beim Check-in! Ist es nicht furchtbar, wie die armen Economy-Reisenden da immer warten müssen? Nun ja, wenn Herr K. darüber nachdenkt, fand er es sogar wohltuend, sich auch mal irgendwie ein bisschen wichtig fühlen zu dürfen.

Es ging dann schon allmählich bergab, als er innerdeutsch immer öfter mit der Lufthansa-Tochter Germanwings fliegen musste, weil deren Billigtarif "Basic" den Aufenthalt in der Lounge nicht mehr beinhaltet. Bis er das kapiert hatte, stand er dreimal am Eingang herum, legte sein Ticket auf den Scanner, der rot anlief, "mööp" machte und den Blick der Rezeptionsdame verfinsterte. Wie würdelos soll das erst werden, wenn er demnächst Berger aus dem Marketing am Flughafen begegnet, der alle paar Wochen irgendwelche Meetings in Übersee hat? Was soll Herr K. antworten, wenn der sagt: „Lassen Sie uns noch schnell in die Lounge gehen!“ Er ist jetzt ein Ausgestoßener. Er gehört nicht mehr dazu.

Herr K.s Sekretärin kommt rein. Sie sieht die blaue Miles&More-Karte, lässt sich aber nichts anmerken. Draußen überlegt sie kurz, ob sie den Chef wechseln soll. Bei Berger soll was frei werden. Der steht angeblich schon kurz vorm Senator-Status. Sie macht sich Sorgen. Auch um Herrn K.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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