Der moderne Mann
Wer hat den miesesten Job?

Budgetverhandlungen können schon ganz interessant sein, zumindest für Herrn K. Denn dort erfährt er so einiges über seine Kollegen – auch dass es Berufe gibt, die einfach unglücklich machen. Doch welche machen glücklich?

Sagen wir so: Schmitt-Scheckenbach aus dem Controlling ist keiner von denen, die man ganz oben auf seine Einladungsliste für die eigene Betriebsjubiläumsparty schreiben würde: seine pointenfreien Witze, der traurige Haarkranz, die Sakkos in Curry-Senf-Nuancen. Aber es sorgt dann doch für unangenehmes Schweigen, als es bei den zähen Budgetverhandlungen irgendwann aus ihm herausplatzt: „Schon klar, dass natürlich ich den miesesten Job von Ihnen allen habe.“

Einerseits sind ja gerade Controller sonst oft mit einem ebenso großen wie rätselhaften Selbstvertrauen gesegnet. Andererseits sagt man so einen Heulsusensatz eigentlich nicht laut, auch wenn ihn alle denken. Dauernd. Herr K. könnte eine Umfrage in seiner Abteilung machen, wer den übelsten Job von allen hat und bekäme lauter „Ich! Ich! Ich!“-Meldungen. Auf die naheliegende Antwort, dass nur er, Herr K., es richtig schlimm erwischt hat, käme natürlich niemand.

„Das können Sie doch so nicht sagen, lieber Herr Schmitt-Scheckenbach“, findet Frau Stibbenbrook aus der Rechtsabteilung als Erste Fassung und Stimme wieder. Sie hat mal einen zweistündigen Crashkurs in Krisenintervention mitgemacht und sagt nun mit einem fürsorglichen Unterton, der jeden Selbstmörder über die Dachkante locken könnte: „Schauen Sie sich VW an, da gibt’s nun viele Posten, die viel schwieriger sind!“

„Genau“, flankiert Berger aus dem Marketing. „Oder Pressesprecher beim BND. Macht auch keinen Spaß.“ Ausgerechnet Berger, der meist braun gebrannt von irgendwelchen Verlags-Incentives aus den Schweizer Alpen zurückkehrt, spielt sich jetzt als Jobversteher auf? Aber es scheint zu funktionieren. „Hm“, brummelt Schmitt-Scheckenbach schon leicht versöhnt.

„Es gibt echt Schlimmeres als Controlling. Wer hat noch was richtig Furchtbares?“, fragt Frau Stibbenbrook in die Konferenzrunde, die nun ihre Schulklasse geworden ist, Fack ju Göhte 3 gewissermaßen. Betriebsjuristin, denkt sich Herr K. gerade, da geht es schon los: Müllmann in der Düsseldorfer Altstadt. Kindergärtnerin. Messehostess. Deutsche-Bank-Angestellter. Altenpfleger. SPD-Kanzlerkandidat. „Oder denkt mal an all die Callcenter-Dödel in den Störungs-Hotlines von Telekom oder 1&1. Was die sich den ganzen Tag anhören müssen, wenn man nach einer Stunde endlich zu ihnen durchgestellt wird.“ Berger ist jetzt voll dabei.

„Ich hab noch einen besonders miesen“, murmelt Schmitt-Scheckenbach. Seine Augen funkeln so komisch, als er sagt: „Diese Barclays-Drückerkolonne, die am Flughafen Kreditkarten loskloppen muss.“ Wohliger Grusel macht sich breit. Ja, das sind wirklich die Ärmsten von allen. Noch unter Bahn-Bord-Bistro-Koch.

Schmitt-Scheckenbach sieht jetzt richtig glücklich aus. Es kommt doch immer nur darauf an, jemanden zu finden, dem es noch mieser geht als einem selbst, ahnt Herr K. Der Rest der Budgetverhandlungen fließt diesmal erstaunlich friedvoll dahin.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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