Der moderne Mann
Wertegemeinschaft am Weihnachtsmarkt

Herr K. besucht mit seinen Kollegen einen Weihnachtsmarkt. Doch bei einem Glühwein will die besinnliche Stimmung so gar nicht aufkommen. Denn Herr K. will für Sicherheit sorgen – und wird plötzlich selbst zum „Gefährder“.

Ist „Gefährder“ schon ein staatlich anerkannter Ausbildungsberuf? Mit Fachhochschulabschluss oder als Bachelor? Was macht man so als fertiger „Gefährder“? Seniorinnen erschrecken? Hasspredigten verfassen? In großen Gebinden Wasserstoffperoxid im benachbarten Baumarkt ordern?

Vor wenigen Wochen kannte Herr K. den Begriff „Gefährder“ noch gar nicht, jetzt ist er allerorten. Und er wird mit einer Selbstverständlichkeit genutzt wie „Schuppenshampoo“, „Hartz IV“ oder neuerdings „Obergrenze“, wobei man sich nur fragt, ob bereits an ausreichend „Gefährderinnen“ gedacht ist oder ob hier unter Gender-Gesichtspunkten nicht doch noch einiges nachzuholen wäre durch salafistische Gleichstellungsbeauftragte. Wieso ist das überhaupt schon wieder so ein Männerding, diese ganze Gefährder-Sache?

Herr K. wägt all diese Fragen ab, als er abends mit Kollegen einen Weihnachtsmarkt besucht, weil Deutschland die westliche Wertegemeinschaft jetzt nicht mehr am Hindukusch verteidigt, sondern zu Hause. Und zwar überall. Es heißt jetzt Flagge zeigen. Auch hier zwischen Bratwurst-Stand und Erzgebirge-Plunder made in Taiwan ... alles irgendwie Symbole, nur für was? Freiheit? Hedonismus? Produktpiraterie? Und vor was schützen wir derlei nun genau?

In diesem Moment löst sich einen Poffertjes-Wurf von Herrn K. entfernt ein junger Bartträger aus der Menge und rennt auf ihn zu, irgendwas schreiend, das wie „Allah ist groß“ klingt.

Jetzt also hat er den Gefährdersalat, schießt es Herrn K. durch den Kopf. Er ist fest entschlossen, sich und den Rest der Republik zu verteidigen ... also auch Helene Fischer und die Geissens und ... der Typ ist nur noch zwei Meter entfernt ... auch „Das Supertalent“ und vegane Fleischwurst und ... einen Meter ... diesen miesen Glühwein hier und sogar die 1,1 Millionen Follower von BibisBeautyPalace auf Twitter ... gegen den Typ, der jetzt direkt an Herrn K. vorbeirennen will.

Eine Drehung. Der andere geht zu Boden. Herr K. wirft sich auf ihn und bleibt schreiend auf ihm hocken: „Hier nix Blutbad, du Horst!“

Unter ihm liegt der „Gefährder“ und keucht: „Isch bin Deutscher wie du, ey, du Bruce Willis für ganz Arme!“ Herr K. atmet schwer: „Hör’n Sie auf, mich zu duzen! Wer hat denn grade ‚Allah ist groß‘ geschrien?“ „Was hab ich? ‚Alter, was los?‘ hab isch zu mein‘ Kumpel hier rübergerufen, du Schwuchtel! Und jetzt geh runter von mir!“

Die Kulisse wird gerade von Rolf Zuckowski beschallt, der mit seinem Kinderchor „In der Weihnachtsbäckerei“ singt. Auch Zuckowski gilt es zu verteidigen. Aber vielleicht nicht gegen den jungen Mann, den Herr K. jetzt langsam loslässt mit einem letzten schlappen Widerstand: „Äh ... er hat gerade Homosexuelle beschimpft. Ham das alle gehört?“ Sein Opfer wird jetzt lauter: „Das Einzige, was du gleich hörst, sind Polizei-Sirenen.“ Herr K. weiß jetzt immerhin, wie man zum „Gefährder“ wird: ganz schnell.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.
Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K.auf Twitter: @herrnK

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