Der moderne Mann
Wie grün darf’s denn sein?

Nachhaltigkeit wird derzeit groß geschrieben – und ist auch in Herrn K.s Abteilung angekommen. Doch so ganz unbekannt ist der Trend für ihn nicht. Dennoch fragt er sich: Was bedeutet eigentlich Nachhaltigkeit?
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Herrn K.s Abteilung soll nachhaltiger werden. Alles ist mittlerweile nachhaltig. Frau Dr. Schwielow aus dem Vorstand seiner Firma wurde deshalb jüngst zum Chief Sustainability Officer ernannt, kurz: CSO. Er wäre das auch gern geworden. Herr K. neigt nicht zu übermäßigen Emissionen und ist hundertprozentig biologisch abbaubar. Aber sicher sind Frauen noch viel nachhaltiger.

Früher hießen CSOs „Umweltbeauftragte“. Das waren die, für die man irgendwo ein Abklingbecken suchte – und dann einen Krötenzaun fand, den sie bewachen konnten. Damals hieß Nachhaltigkeit noch „Öko“ und galt erst dann als glaubwürdig, wenn es so richtig hässlich daherkam.

Die Jahresbilanzen wurden gern auf ausgesucht grauem Recyclingpapier gedruckt. Und wenn Herr K. an die Haptik damaliger Jute-Taschen zurückdenkt, läuft es ihm noch heute gänsehautnah den Rücken runter. Umweltbewusstsein war eher ein Akt der Selbstgeißelung. Es MUSSTE wehtun … wie zu jener Zeit auch das Öko-Toilettenpapier. Die Rettung der Welt durfte keinen Spaß machen. Aber das ist und heißt heute anders.

„Nachhaltigkeit“ kann mittlerweile jeder, sogar H&M. Am letzten Wochenende war Herr K. mit seiner 16-jährigen Tochter einkaufen. Zwei „Conscious“-T-Shirts kosteten 9,99 Euro. „Conscious“ bedeutet offenbar, dass sich das schwedische Unternehmen der Umwelt irgendwie bewusst ist. Für 9,99 Euro kann man demnach schon sehr bewusste T-Shirts nähen. Als Herr K. sie bezahlte und um eine Plastiktüte bat, spreizte die Verkäuferin ihre neonlackierten Fingernägel, als hätte er gerade im Alleingang die Polkappen zum Schmelzen gebracht. Er scheint einfach noch nicht conscious genug zu sein, erlebt die neue Nachhaltigkeit aber auch eher als Hedonismus für Fortgeschrittene. Schicker Zaun ohne Kröte quasi. Marketing eben.

Wie neulich im Zug, als er auf dem Bordmonitor las: „Wussten Sie eigentlich, dass unsere Lokführer große Umweltschützer sind?“ Nein, das wusste er bis dahin verrückterweise noch nicht. Unter bahn.de/gruen konnte er nachlesen, dass das Unternehmen „besonders sauberen Bahnstrom“ benutzt und auch ganz viel Bio-Essen anbietet. Wahrscheinlich sind inzwischen sogar Plastik-Laserschwerter aus Taiwan, Landminen und die Sanierung des Atomkraftwerks von Fukushima nachhaltig. „Wussten Sie eigentlich, dass unsere Rettungskräfte große Umweltschützer sind?“, könnte die Atomruine für sich werben.

Herr K. schmunzelt vor sich hin, woraufhin Frau Dr. Schwielow fragt: „Wollen Sie uns teilhaben lassen an Ihren lustigen Nachhaltigkeitsideen?“ Herr K. schaut hoch … ach ja … Kick-off-Meeting der Sustina… Sastenu… na ja … der Öko AG eben. Er mittendrin. „Vielleicht sollten wir zunächst mal das Marketing über den internen Workflow unserer CO2-Ziele referieren lassen.“ Damit liegt der schwarze Öko-Peter erst mal bei Berger.

Herr K. kann sehr nachhaltig sein. Sogar beim Delegieren von Problemen.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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