Der moderne Mann
Wie man seine Skills richtig leveragt

Große Aufgaben verlangen ein großes Wording. Darauf kann sich Herr K. mit seinem Besuch committen. Auch im Alltag muss man manchmal den Change-Prozess mit Prio 1 vorantreiben. Hauptsache, man versteht sich.
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„Wir brauchen zunächst viel mehr Learnings“, fängt das Gegenüber von Herrn K. an, der beschließt, erst einmal zuzuhören, ab und an „hm, hm“ zu sagen und zu warten, was noch so kommt. Es kommt eine ganze Menge, denn der grau melierte Gesprächspartner von Herrn K. redet sich langsam in Fahrt: „Es ist doch ganz klar, worum es bei diesem Kick-off-Meeting hier geht: Traffic generieren! Und ohne flankierende Social Media dürfte es unmöglich sein, unseren Challenger-Spirit just in time zu implementieren. Aber nur so können wir - believe it or not - eine Win-win-Situation hinkriegen. Viele wissen ja noch nicht mal, was ich meine, wenn ich sage: Wir brauchen hier einen klaren Fokus auf den Transformation-Booster.“

Herr K. starrt vor sich auf den schweren Holztisch. Ein trüber Wintertag mit knappen Minusgraden. Er nimmt sich eine Brezel aus der Keksmischung und nickt, während es hinter seiner Stirn rattert: Transformation-Booster? Alles klar, der hat sie echt nicht alle. Aber das kann ich auch. Dann sagt er: „Am Ende geht es immer darum, in Cases zu argumentieren: Wo liegen die Benefits? Wo die Touchpoints? Und wo sind für die Customers die tollsten Needs.“

„Exactly“, schreit Herrn K.s Gesprächspartner auf. „Denn hier geht's nicht um Business-to-Business-Modelle, sondern den Consumer an sich. Cross-Promotion brauchen wir da nicht wirklich, obwohl wir natürlich ein riesiges Awareness-Issue haben. Kurz: Noch kennt uns kein Schwein. Hier müssten Ambassadors positioniert werden, die den Key-Account-Part übernehmen, damit wir uns mit unserem neuen Asset committen können. Bislang waren die Results eher suboptimal.“

Herr K. nimmt sich ein Vanillekipferl und kontert: „Schon klar, aber eine Art Stearing-Committee wäre cool, um das Personal-Branding zu challengen.“ Darauf hat der andere gewartet: „Was müssen wir sein? Let's face it!“ Er schaut Herrn K. jetzt direkt in die Augen: „Content-Enabler. Das ist das Key-Word. Und das ist“, er schlägt jetzt mit den Fingerknöcheln auf den Holztisch, „der Change-Prozess mit Prio 1.“

„Vielleicht sollten wir erst mal unsere Attitude definieren“, wirft Herr K. ein, aber darauf ist sein Gegenüber vorbereitet, bei dem vor Aufregung jetzt die gegelten Locken im Nacken zittern: „Wir müssen unsere Skills leveragen, um die Street-Credibility zu erhöhen. Der Look&Feel-Faktor allein wird's nicht reißen.“

Auf einmal kommt Herrn K.s Frau in den Garten. Der Werber-Freund ihres Mannes war ihr immer schon ein bisschen suspekt. Aber jetzt ist sie doch überrascht, wie wenig sich hier getan hat. Da sitzen die beiden auf den Bierbänken im kalten Garten, stopfen Kekse in sich rein und reden schlau daher: „Sorry, wenn ich mal frage, aber ihr sollt hier weder den Euro noch die Ost-Ukraine retten, sondern nur die blöde alte Rutsche deines Sohnes ab- und die neue aufbauen. Ist das zu viel verlangt?“ Life is a bitch and then you die. That's for sure.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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