Der moderne Mann
Wie viel Feuerwerk ist erlaubt?

An Silvester wollte es Herr K. krachen lassen – vor allem wegen seines Sohnes. Mit Raketen und Böllern sind beide gut vorbereitet in die Nacht gezogen. Doch darf man heutzutage das Geknalle gut finden oder nicht?

Manchmal muss ein Mann tun, was ein Mann tun muss – einfach weil Frauen viel zu schlau sind, sich darauf einzulassen. Zu Herrn K.s unumstritten letzten Domänen gehören samstägliche Tätigkeiten für Grobmotoriker wie Autowaschen oder das Kistenschleppen zum Getränkemarkt. Wer dort jemals hinter zwei Frührentnern und ihren Rollatoren voller Plastiktüten mit höchst unterschiedlichen Leergut-Varianten gestanden hat, weiß Bescheid.

Insofern wunderte es Herrn K. nicht weiter, dass seine Frau auch den Kauf des Silvester-Feuerwerks seiner Obhut anvertraute. Nicht weil der Job besonderer Vorkenntnisse bedarf oder gar irgendwie typisch männlicher Talente. Es ist schlicht bescheuert, wie Herr K. dann vor den containergroßen Schütten eines schlecht beleumundeten Discounters zu stehen und Pyrotechnik mit Namen wie "Black Death" oder "Blitzeria" in ihrem Preis-Leistungs-Verhältnis gegeneinander abzuwägen.

"Uooaah, geil", sagt sein sechsjähriger Sohn, der noch nicht richtig lesen kann, aber angesichts der Verpackungen schon zu den richtigen Interpretationen fähig ist. Warum nennen die den Kram nicht gleich "Apokalypse Wow" oder "Weltkrieg", fragt sich Herr K., der gerade mit der Frage hadert, wie das Thema Feuerwerk im Jahr 2015 gesamtgesellschaftlich gesehen wird. Darf man das Geknalle gut finden oder eher nicht?

Als er selbst klein war, waren die Standpunkte klarer. Auf der einen Seite waren Leute wie seine Eltern, auf der anderen jene, die "Brot statt Böller" riefen. Da man in einem bestimmten Alter grundsätzlich gegen seine Eltern opponiert, selbst wenn die freie Liebe, Schulschwänzen oder die Legalisierung weicher Drogen fordern würden, war klar, wo Herr K. stand.

Er verstand nur nicht, was das eigentlich bringen sollte... Brot statt Böller. Er hat zwar nie versucht, an Silvester Pumpernickel oder Baguettes in die Luft zu feuern. Aber ihm war auch unklar, was eine afrikanische Großfamilie davon haben sollte, wenn er ihnen mit dem gesparten Geld Kastenbrote oder Aufbackbrötchen schickt.

Irgendwann war der Protest gegen Feuerwerke in Deutschland verpufft wie ein bengalisches Feuer. Vielleicht weil die Protestbranche lohnendere Ziele fand. Jedenfalls rüstete die Pyrotechnik-Industrie seither gewaltig auf. "Ich will das da!", zeigt Herrn K.s Sohn auf die "300-Schuss-Heuler-Batterie Ghostrider" in Mattschwarz. Vor wenigen Jahrhunderten hätte man damit wahrscheinlich innerhalb eines Tages die Weltherrschaft an sich reißen können. "Wollen wir es nicht ein bisschen kleiner?", fragt Herr K. seinen Sohn. "Ein paar Raketen und ein Tütchen Wunderkerzen?"

"Och menno, Henrys Papa hat die schon." Herr K. lächelt seinen Sohn an. Sie werden "Ghostrider" kaufen und dazu noch "Maniac", "Bloody Mary" und "Inferno". Die Augen des Sohnes von Herrn K. funkeln. Manchmal muss ein Mann tun, was ein Mann tun muss. Politisch korrekte Pädagogik gehört nicht zwingend dazu.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.
Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K.auf Twitter: @herrnK

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