Der moderne Mann
Wie wird man zum Grillmaster?

Die Welt scheint nur noch aus laktose-intoleranten Veganern und robusten Fleischessern zu bestehen. Damit Herr K. den mitleidigen Blicken der Kollegen entgeht, will er sich nun einen Grill kaufen. Nur welchen?
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Im Leben von Herrn K. steht „Frühling“ für dreierlei: 1. Große Gefühle (hat er in seinem Alter einigermaßen hinter sich); 2. Steuererklärung (hat er vor sich); 3. „Papa, du musst angrillen. Das macht der Papa von Ann-Sophie auch.“ Es klang wie etwas Religiös-Rituelles, als solle er im Abendrot im Garten einen Scheiterhaufen entzünden, um im Feuerschein wild gestikulierend böse Geister zu vertreiben. Heute reicht dafür offenbar ein Gartengrill

Die Gesellschaften hochentwickelter Industrienationen scheinen sich ohnehin allmählich in zwei Glaubensrichtungen zu spalten: Einerseits Laktose-intolerante Veganer, die schon beim Anblick eines Milchspeiseeises hyperventilieren. Und andererseits robuste Fleischfresser, die am liebsten gleich ein halbes Galloway-Rind in einem noch ausblutenden Zustand auf ihren Weber-Grill schmeißen, denn der ist unter Grillfreunden und Hobby-Metzgern natürlich das Nonplusultra.

Von Männern in Herrn K.s Alter wird erwartet, dass sie sich diesem Trend bedingungslos ergeben, womit er durchaus Anlaufschwierigkeiten hat. Lange Zeit genügte ihm ein kleiner Elektrogrill aus dem Baumarkt, auf dem man die Bratwürstchen seiner Kinder schon irgendwie braun kriegte, wenn man sie nur lange genug anstarrte. Aber irgendwann reichte das einfach nicht mehr. In seinem Fall war der Rubikon überschritten, als sein Kollege Koslowski neulich vorbeischaute und mitleidig meinte: „Was soll das denn sein? Ein Handwärmer?“ Seine Frau setzte ihr Ich-hab's-dir-gleich-gesagt-Gesicht auf. Am vergangenen Wochenende fuhr Herr K. deshalb mit der Familie und dem festen Vorsatz seiner Frau los, auch so einen Monster-Grill zu kaufen.

„Holz oder Gas?“, wollte der Fachverkäufer wissen, womit die Probleme schon begannen. „Vielleicht ein Hybrid?“, witzelte Herr K., was weder seine Frau noch die Kinder oder gar der Verkäufer lustig fanden. Schnell wurde gefachsimpelt, welche Vorteile der Master-Touch gegenüber dem Performer Deluxe Gourmet hat und ob der Q-3000 mit dem zweigeteilten porzellan-emaillierten Guss-Grillrost nicht doch ausreichend ist. Andererseits hat schon der Spirit E-310 Classic vier Lenkrollen, von denen zwei eine Stoppfunktion aufweisen. Herr K. wagte nicht zu fragen, wie die Kurventauglichkeit des Modells auf handelsüblichen Landstraßen ausfällt, denn da stand er schon vor einem doppelwandigen Edelstahl-Giganten mit integriertem Thermometer, der nicht umsonst Genesis S-330 heißt.

Frau K. funkelte ihren Mann an. Sie sah in ihm jetzt offenbar den archaischen Jäger und Sammler, der künftig mit dem Wildschwein auf der Schulter abends nach Hause kommt. Der Verkäufer wusste längst, dass er ihnen alles andrehen konnte. Und so fuhr die Familie mit Genesis nach Hause, wo die eigentliche Überraschung von Herrn K.s Zweitkarriere als Grillmaster indes erst wartete (Fortsetzung nächste Woche).

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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