Der moderne Mann
Willst du mit mir gehen?

Herr K. fragt sich, ob die Liebe früher einfacher war, als es noch kein Internet gab. Statt kurze Liebesbriefchen gibt es nämlich heute Parship, Elitepartner und Tinder – und mit denen will er sich näher beschäftigen.

Als es noch kein Internet gab, war die Liebe einfacher ... und schwieriger zugleich, findet Herr K. Er sitzt in der Kantine und hört seinem Kollegen Koslowski zu, wie der von seinen Parship-Erfahrungen erzählt. Die verschärfte Version von Parship oder Elitepartner ist offenbar Tinder, wo man nur noch chronisch neue Gesichter sieht und anklicken muss, was gefällt. Wisch und weg.

Eigentlich ist das gar nicht so weit und zugleich Lichtjahre entfernt von Herrn K.s Schulzeit, als man noch Briefchen schrieb zum Ankreuzen: "Willst du mit mir gehen?

o Ja

o Nein

o Weiß nicht."

Das "Weiß nicht" war eine für beide Seiten gesichtswahrende Variante. Eher ein "Nein", aber netter. Heute gibt es kein "Vielleicht" mehr, obwohl die Generation Y sich doch angeblich gar nicht mehr entscheiden kann und nur noch "Vielleicht" sagt. Auf den ersten Blick ist das merkwürdig. Auf den zweiten auch. Und für einen dritten ist bei all dem Gesichtergewische ja eigentlich keine Zeit mehr.

Aber ihr abteilungsinterner Generation-Y-Spross Lasse ist das beste Beispiel dafür, dass das digitale Ja/Nein-Spiel sehr gut zu dem Vielleicht passt. "Haben Sie denn was Festes?", fragt Koslowski den Endzwanziger, der sich auf seinem Smartphone selbst in Konferenzen einen Wolf wischt. Lasse antwortet: "Keine Ahnung." Das illustriert den Status quo moderner Beziehungen wahrscheinlich besser als jede "Cosmopolitan"-Umfrage.

Früher war alles nur am Anfang ein großes Vielleicht. Vielleicht ist Dr. Sommer in "Bravo" gar kein Mann. Vielleicht geht Irene, Heike, oder wie Frauen damals so hießen, mit mir ins Kino. Vielleicht soll ich sie nach der Stehblues-Party noch nach Hause bringen. Vielleicht findet sie die selbst kuratierte Musik-Kassette total öde.

Dabei hatte man sich so viel Mühe gegeben: mit dem Filzer Blumen und Herzen aufs Cover gemalt. Und geflucht, wenn der Radiosprecher vorher wieder gedankenlos ins Ende von "Nights in White Satin" gequatscht hatte, denn damals musste man das ja noch mitschneiden.

Und heute? Kriegt Herrn K.s 16-jährige Tochter von Verehrern total romantische i-Tunes-Gutscheine geschenkt oder zum Geburtstag Blumen-Emojis per Whatsapp? Müsste seine Frau mit ihr mal ein Gespräch unter Frauen führen, nachdem Herr K. eine falsch adressierte SMS von ihr bekam mit dem Inhalt: "HDGDL Pit!!!!!" So viele Ausrufezeichen kennt er sonst nur noch von sehr betroffenen Til-Schweiger-Posts. Aber es wird Zeit, dass Herr K. endlich Koslowski und seinen Parship-Fronterfahrungen zuhört (Fortsetzung folgt).

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

Die besten Kolumnen vom modernen Mann sind am 26. August im Gabal Verlag erschienen (14,90 Euro) – samt neuen Texten und allen Hintergründen rund um Herrn K. Hier können Sie das Buch zur Kolumne bestellen: kaufhaus.handelsblatt.com/herrk.

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