Der moderne Mann: Zwischen Dschihad und Dattel-Soufflé

Der moderne Mann
Zwischen Dschihad und Dattel-Soufflé

Alles sind auf einmal Charlie - auch Herr K. Doch wie viel interreligiöser Dialog ist eigentlich möglich in einer mittleren Führungsposition? Und soll er jetzt wirklich den Koran lesen?
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Solidarität ist jetzt wichtig. Wichtiger noch als Gerechtigkeit. Insofern hat Herr K. wenigstens ein paar Tage Ruhe vor den Debatten mit dem Betriebsrat wegen der Strukturanpassung der ... na ja, ist auch wurst. Jetzt nicht ins Klein-Klein des Tagesgeschäfts verfallen! Groß denken! Wertegemeinschaft. Herr K. ist jedenfalls auch Charlie. Sogar Koslowski, der betriebsintern eher das diplomatische Geschick einer Abrissbirne besitzt, ist so was von Charlie. Nur: Mit wem ist man nun alles solidarisch in der Firma und zu Hause?

Herrn K.s Erfahrungen mit Angehörigen muslimischen Glaubens begrenzten sich bislang überwiegend auf seine Putzfrau Hatice, von der er nicht mal weiß, ob sie ihr Kopftuch aus hygienischen oder konfessionellen Gründen trägt. Er wollte es aber auch ihr gegenüber nicht an Solidarität missen lassen und steckte ihr deshalb fünf Extra-Euro zu.

Gerechtigkeit ist ja trotzdem wichtig, um die sozialen Spannungen, von denen jetzt so viel die Rede ist, erst gar nicht in Gewalt umschlagen zu lassen. Herr K. hat zwar keinerlei Grund zu der Annahme, Hatice könnte Absolventin eines syrischen Terrorcamps sein, aber er will in der aktuell aufgeladenen Stimmung wirklich keine Fehler machen, die in einem blutigen Dschihad münden könnten. Was würden die Nachbarn sagen?

Die Erinnerung an seine letzte interreligiöse Begegnung reicht ihm. Herr K. hatte schon länger vor, sich mit dem Koran auseinanderzusetzen. Was weiß man denn schon außer das mit den 72 Jungfrauen? Und auf einmal war da in der Fußgängerzone dieser junge Mann, der ihm einfach eine Ausgabe in die Hand drückte.

Herr K. wollte gerade nachsetzen, dass er froh sei, mal nicht gleich ein Fünf-Jahres-Abo für irgendwas unterschreiben zu müssen, als seine Frau ihn zur Seite zog und zischte, ob er sie noch alle habe, hier mit Salafisten rumzumachen. Seither liegt das Koran-Geschenk unberührt zu Hause im Keller, und Herr K. wartet auf unerfreuliche Besuche vom Verfassungsschutz.

Insofern war es schon sinnvoll, dass der Vorstand das mit der Solidarität proaktiv vorantrieb. In der Kantine ist eine Woche der Völkerverständigung geplant. Die Führungskräfte ab Herrn K.s Hierarchiestufe wurden gebeten, ein Zeichen zu setzen und je einen Muslim aus der Belegschaft zu sich nach Hause einzuladen. Er selbst bekam einen Vize-Abteilungsleiter aus der Schadensregulierung zugewiesen.

„Was soll ich da denn kochen?“, war das Erste, was seine Frau wissen wollte. Es wurde dann aber ein schöner Abend.

Herr K. beschwor ausgiebig Solidarität und Dialog, bis der Gast sagte, er als Protestant kapiere „den ganzen Koran-Kram ja echt nicht mehr“. Vielleicht hätten sie gewarnt sein müssen: Der Name „Karim Schmidt“ war ihnen von Anfang an verdächtig. Herrn Schmidts Mutter stammte aus Tunesien, sonst war da nix.

Schade. Er wäre ein toller Muslim gewesen. So dialogbereit. Zum Dattel-Soufflé gab's abseits des ursprünglichen Protokolls dann einen Absacker.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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