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Alisée de Tonnac
„Mehr als einen Monat kann ich nie im Voraus planen“

Für Start-Up-Sucherin Alisée de Tonnac heißt die Erfolgsformel: Tech und Schwellenländer. Ein Gespräch über Selbstzufriedenheit in Europa, Chancen in Afrika und die tägliche Angst vor der Frage: Bin ich eine gute Chefin?

Es ist nicht so, als läge Alisée de Tonnac das Internationale nicht: Der Vater war für ein internationalen Konzern tätig, die gebürtige Französin lebte schon als Kind in Singapur und im Silicon Valley, besuchte französische Eliteschulen, studierte in Lausanne und Bocconi. Aber mit 23 wurde sie dann endgültig zur Kosmopolitin - und zur Unternehmerin. Sie brach eine Bilderbuchkarriere bei LÒréal ab, ließ allen Glamour hinter sich und gründete Seedstars World; inzwischen der größte Wettbewerb für Start-Ups in Schwellenländern. Mittlerweile ist de Tonnac CEO des Unternehmens, das etwa 50 Mitarbeiter hat. Wer mit ihr spricht, gewinnt den Eindruck: Die Reise hat gerade erst begonnen. Am 6. Oktober, dem Tag der Deutschen Industrie, diskutieren wir live mit Alisée zum Thema „Starting Business in Emerging Markets“ beim Brunch Talk unseres Businessnetzwerks Leader.In Hier erfahren Sie mehr zum Brunch-Talk.

Liebe Frau de Tonnac, was tragen Sie denn heute: Hoodie oder Highheels?
Heute ist einer dieser seltenen Tage, an denen ich mal wieder Highheels trage! Ich bin gerade in Genf gelandet und treffe einige meiner Mitarbeiter.

Sie tragen jetzt oft Kapuzenpulli, früher waren es die Highheels. Bis Sie vor vier Jahren Ihren Job als Produktmanagerin bei L'Oréal kündigten, mit Ihrem Freund Schluss machten und die Koffer packten, um verheißungsvolle Start-Ups zu finden. Wo sind Sie gerade unterwegs?
Anfang des Monats war ich noch in Nigeria, dann ein Event in Barcelona, das Get-Together in Chamonix, eine ganz fantastische Konferenz. Nach meinem Besuch beim Tag der Industrie in Berlin werde ich nach Algerien reisen, wo großartige Unternehmer auf mich warten. Mein Terminplan für die nächsten drei Wochen steht – aber dann? Länger als einen Monat kann ich nie im Voraus planen.

Das war in Ihrem früheren Leben anders...
Ja, bei L'Oréal war mein Lebenslauf bis zur Rente durchgeplant.

Erinnern Sie sich an den Tag, als Sie beschlossen, Ihre Bilderbuchkarriere abzubrechen für eine ungewisse Zukunft? Da waren Sie 23 Jahre alt.
Man schnippt natürlich nicht mit dem Finger und sagt: Moment, ich bin zu selbstzufrieden geworden und muss mein Leben ändern. Das war eine Entwicklung. Ich bin dann im Netz auf ein Werbevideo von Nike gestoßen, darin poppt ein Zitat von Eleanore Roosevelt auf: „Do one thing every day that scares you“, „Mache jeden Tag etwas, wovor Du Angst hast“. Das ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich fragte mich: Was ist aus meinen Träumen geworden? Ist mein Leben das Leben, das ich wollte? Ich war so darauf versessen, den größten Fernseher zu haben, die besten Noten, den besten Lebenslauf – und auch L'Oréal war für Leute, die etwas im Marketing werden wollten, „the place to be“.

Und dann?
Ich habe angefangen, wieder mehr zuzuhören, was andere sagen und tun, und habe dann meinen Partner Pierre Pierre-Alain Masson getroffen. Er erzählte mir, dass er auf Start-Up-Suche gehen würde, und ich sagte: Verdammt, ich bin dabei. Ich bin noch nie ein Risiko eingegangen, aber jetzt.

Sie sind vor gut einem Jahr nach Lagos gezogen, aus Ihrer Sicht einer der größten und dynamischsten Tech-Standorte der Welt. Andere bringen Nigeria eher mit Korruption und Terror in Verbindung, etwa mit Boko Haram.
Es wäre unfair, dieses Land darauf zu reduzieren. Boko Haram ist grausam, Korruption ein Problem. Aber in Nigeria leben 180 Millionen Menschen, 18 Millionen davon in Lagos. Und ich habe 2013, als wir Seedstars aufbauten, schnell gemerkt: Egal ob Franzosen, Filipinos, Afrikaner, ob Arm oder Reich - 99 Prozent der Menschen wollen ihren Beitrag leisten, und in keinem Land gibt es nur Gangster oder nur Korrupte oder nur Warlords. Diese Erkenntnis hat mich wahnsinnig froh gemacht. Denn wenn man immer in seinem westeuropäischen Wohnzimmer vor dem Fernseher sitzt und dort den Horror sieht, der auf der Welt passiert, verliert man den Glauben an die Menschheit.

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