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Der Pippi-Kult
Warum ein vorpubertäres Mädchen beste Chancen hat, zum Idol des Jahres zu werden

„Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.“ Pippi Langstrumpf ist Kult und ihr Mantra ist für viele zum Lebensmotto geworden. Ausgerechnet an Donald Trump wird erkennbar, wie falsch das Spiel ist. Und wie gefährlich.
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Fulda„Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.“ Pippi Langstrumpf ist Kult und ihr kesses Mantra ist für viele Menschen zum persönlichen Lebensmotto geworden. Doch was bedeutet es, wenn man diese Art von ichbezogener Selbstverwirklichung zum Ideal verklärt und die Welt als persönliche Villa Kunterbunt, als Spielplatz des eigenen Egos, wahrnimmt? Anhand von aktuellen Beispielen setzt sich der Philosoph und Autor Christoph Quarch in seinem Kurz-Essay kritisch mit dem Pippi-Phänomen auseinander und warnt davor, ein egoistisches und realitätsfernes Freiheitsverständnis im Namen von falsch verstandener Selbstverwirklichung zu idealisieren.

Sie kennen doch die Pippi Langstrumpf, oder? Rote Zöpfe, Sommersprossen, rot-weiß gestreifte Ringelsocken, circa 12 Jahre, wohnhaft in der Villa Kunterbunt; auffällig durch ein gerütteltes Maß an Selbstbewusstsein und Chuzpe; meistens in Begleitung zweier Tiere und zweier Menschenkinder namens Tom und Anika. Sie kennen sie und fragen sich, wieso Sie sich hier mit ihr befassen sollen? Ganz einfach: Weil Pippi Langstrumpf beste Chance hat, zur Kultfigur des Jahres zu werden.

Tatsächlich sehen immer mehr Menschen – Frauen vornehmlich – in Pippi ihr Idol. Frauenzeitschriften feiern die „Pippi-Langstrumpf“-Strategie und erklären ihren Leserinnen, wie sie endlich Glück und Erfüllung finden: indem sie Pippis Mantra folgen, das da lautet: „Ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt“. Nachdem erst das Selbstbild zum Selfie wurde, kommt nun auch das Weltbild an die Reihe. Egal ob mein Leben oder die Welt – ich mach’s mir selbst. Also sprach die Zeitgeistin.

Sich das Leben nach dem eigenen Gusto einrichten: Die Pippi- Strategie findet Beifall in einer Szene, die seit Jahren schon das Ego pimpert. Autoren wie Veit Lindau oder Robert Betz erreichen Bestseller-Auflagen mit Titeln wie „Heirate dich selbst“ oder „Dein Weg zur Selbstliebe“. Der Cantus Firmus dieser Evangelisten des Ego ist stets derselbe: „Jetzt bist du dran!“; „Gönn dir was!“; „Sieh zu, dass du nicht zu kurz kommst!“ Und die Leserinnenschaft setzt die Maximen eifrig um.

Bei der Pippi-Strategie kommt nun aber eine Komponente zur Geltung, die in der Flut der Selbstliebe-Ratgeber wohl angelegt war, tatsächlich aber erst bei den Pippi-Fans zum vollen Durchbruch kommt: die Postfaktizität. „Postfaktisch“, so viel am Rande, wurde wohl nicht zufällig gerade erst zum Wort des Jahres 2016 gekürt.

Was sagt das Wort? Postfaktisch ist, wer sich nicht so sehr dafür interessiert, was tatsächlich – faktisch – in der Welt geschieht, sondern lediglich dafür, wie es sich anfühlt oder wahrgenommen wird. Das heißt: Postfaktisch ist, wer beim Wetterbericht nicht die gemessene, sondern nur die gefühlte Temperatur anschaut. Postfaktisch ist auch, mit Pippi die faktische Welt auszublenden und sich die stattdessen eine eigene Welt zu machen – ganz so, wie es gefällt.

Seite 1:

Warum ein vorpubertäres Mädchen beste Chancen hat, zum Idol des Jahres zu werden

Seite 2:

Die Welt als Villa Kunterbunt

Seite 3:

Abgesang der Emanzipation

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