Special
In Singapur teilt man einen Traum

Wirtschaftliche Freiheit, Rechtssicherheit – gekoppelt mit einer fürsorglichen und gleichzeitig restriktiven Gesellschaftspolitik – das ist der moderne Stadtstaat Singapur. Der Auftakt zu einem Online-Special.
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SingapurDie Eröffnung des 12. Parlaments in Singapur vorletzte Woche war wie ein Mikrokosmos dieses Stadtstaates, eine Reflektion seiner ethnischen Vielfalt, der kollektiven Philosophie, seiner Ziele und der Herausforderungen, denen sich das Land gegenüber sieht. So hielten die 90 Abgeordneten, die im Mai gewählt worden waren, ihre Ansprachen nicht nur in Englisch, der Hauptsprache Singapurs, sondern in Chinesisch-Mandarin, in Malaiisch und – zum ersten mal in der Geschichte des Landes – in Tamilisch.

Singapur ist einer der multikulturellsten Staaten auf dem Globus: die 5,17 Millionen Einwohner stammen aus so ziemlich jeder Ecke der Welt. Trotz oder vielleicht gerade wegen dieser Vielfalt haben sie einen gemeinsamen Traum: eine Nation zu schaffen, in der jeder und jede prosperieren kann, in der die Gesellschaft in Harmonie lebt. Während der Parlamentseröffnung war die Botschaft von Präsident Tony Tan Keng Yam ebenso versöhnlich wie bestimmt. Ziel der Regierung, des Parlaments, müsse sein, „dass alle Bürger vom Wachstum profitieren, nicht nur ein paar Auserwählte“. Singapur brauche eine „faire und gerechte Gesellschaft, die den Wohlstand jedes Bürgers sichert; eine gütige und mitfühlende Gemeinde, deren Mitglieder zu einander schauen und – in typischem Singapur-Stil – wo unsere Kinder das beste aus sich machen können“.

„Benevolent dictatorship“

Diese fürsorgliche, auf den ersten Blick fast paternalistisch anmutende Haltung der Landesväter ist einer der wesentlichen Gründe, weshalb Singapur innerhalb einer Generation von einer britischen Kronkolonie auf einer Gruppe von 63 Inseln ohne wesentliche natürliche Rohstoffe zu einem der wirtschaftlich erfolgreichsten Staaten geworden ist - nicht nur Asiens, sondern der Welt. Die Politik der „benevolent dictatorship“ - der „wohlwollenden Diktatur“ - sie wurde vom früheren Premierminister Lee Kuan Yew perfektioniert.

Es ist das Prinzip von Zuckerbrot und Peitsche: weitgehende wirtschaftliche Freiheit und soziale Sicherheit auf der einen, gnadenlose Härte gegenüber jenen, die ausscheren, auf der anderen Seite. Harmonie als oberstes Ziel des Staates, auch wenn es an die persönlichen Rechte der Bürger geht. Diese im Westen kaum vorstellbare Politik hat im Volk aber überwältigende Unterstützung. Es findet sich in Singapur kaum jemand, der klagt, dass der Import von Kaugummi strikt verboten ist – das spart nämlich der Öffentlichkeit Reinigungskosten -, dass die Prügelstrafe regelmäßig angewendet wird – das spart an Erziehungsheimen - und dass Drogenhändler am Galgen enden – das spart Gefängniskosten und schreckt ab.

Kratzer

Doch in den letzten Jahren hat das Bild der kompletten Harmonie einen Kratzer erhalten: eine Welle von billigen Arbeitskräften aus dem Ausland hat zu einer Verknappung der Wohnräme geführt, und wohl auch zu einer Erhöhung der sonstigen Lebenshaltungskosten. In der Bevölkerung zeigen sich erste Symptome der Abneigung, ja sogar des Rassismus‘ gegenüber den aus anderen asiatischen Ländern stammenden, tausenden von ungelernten Arbeitern. “Es ist deshalb erklärtes Ziel der Regierung, diese Entwicklung zu stoppen“, sagt Wu Kun Lung, Volkswirt bei Credit Suisse in Singapur gegenüber Handelsblatt Online. Das Land wird in den kommenden Jahren die Bedingungen für die Einwanderung von schlecht oder gar nicht ausgebildeten Gastarbeitern drastisch verschärfen. „Und das ist gut so“.

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