Zum The Shift! Special von Handelsblatt Online

Disruptive Thinking
Wollen wir Dinge wirklich anders machen?

Wir erleben gerade turbulente Zeiten. Hält unser Denken noch Schritt? Sind wir und unsere Organisationen darauf eingestellt? Ein Gastbeitrag und ein zukunftsweisendes Plädoyer für ein anderes Denken im Management.
  • 2

PotsdamDie Welt ist in Unruhe. Der Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft verläuft immer weniger stetig, immer weniger linear, dafür immer sprunghafter, zunehmend disruptiv. Der Potsdamer Zukunftsdenker und Unternehmensphilosoph Bernhard von Mutius hat diese Entwicklung nachgezeichnet und einen Weg skizziert, wie Menschen und Unternehmen sich darauf einstellen können. Der ist widersprüchlich und gerade deshalb zukunftsweisend. Er nennt es „Disruptive Thinking“. Das Denken, das der Zukunft gewachsen ist.

1. Buzzword „Disruption“: Wollen wir Dinge wirklich anders machen?

Ein Gespenst geht um in Europa. Und nicht nur dort: Die Disruption. Wir spüren, es geht nicht nur um Technologie. Es geht um einen sozialen und kulturellen Umbruch. Es geht um Existentielles. Vielleicht auch um Sinn. Doch wie können wir disruptive Entwicklungen denken? Finden wir überhaupt noch Zeit zum Denken im Handeln?

Auf den zahllosen Digitalisierungs-Events klingt das Wort Disruption gut. Viele finden es cool. Doch wer ein wenig hinter die Kulissen schaut, spürt im organisationalen Alltag eine ziemliche Verunsicherung, Ängste und viele Fragen: Sind wir überhaupt in der Lage, mitzuhalten mit Alphabet, Amazon & Co? Haben wir die geeigneten Leute dazu? Haben wir die richtigen Kompetenzen? Ist unsere Organisation mit ihrer altersschwachen IT darauf vorbereitet? Oder sind wir nicht voll damit ausgelastet, das laufende Geschäft zu meistern und den gestiegenen Druck halbwegs abzufedern? Eine Realität voller Widersprüche. Disruptive Thinking ist die Fähigkeit, mit diesen Widersprüchen produktiv umzugehen. Man könnte auch sagen: Es ist die Fähigkeit, sich nichts vorzumachen, Dinge anders zu machen und den Menschen wieder Mut zu machen.

2. Haben wir Nonkonformisten in den eigenen Reihen?

Viele kluge Zeitgenossen sind sich einig: Es fehlen Nonkonformisten in unseren Organisationen. Mitarbeiter, die in der Lage sind, gegen den Strom zu schwimmen. „Oft sind es gerade die Unangepassten, die das Neue in die Welt bringen“, schreibt Adam Grant im „Harvard Business Manager“ (5/2016). Und die Zeitschrift „Manager Seminare“ fordert in ihrer vorletzten Ausgabe in der Titelgeschichte: „Widersprüche kultivieren“. Genau darum geht es. Aber können wir das? Dürfen wir es? Haben wir es überhaupt gelernt?

Wir brauchen neue Kombinationen von scheinbar Gegensätzlichem – in unseren Geschäftsmodellen, in unseren Kernkompetenzen und vor allem in unseren Köpfen. Wir brauchen vorzügliche technologische Lösungen, die ebenso vorzüglich Kundenbedürfnisse befriedigen, die überraschend einfach und nachhaltig sind, die Wert schaffen und Freude bereiten. Wir brauchen interdisziplinäre Vernetzung, Experimentierfreude und zugleich funktionale Exzellenz und Konsequenz. Wir brauchen Explorer, Design Thinker, wagemutige Start-ups. Und wir brauchen zugleich Brückenbauer, Aussöhner, geduldige, langfristig denkende Strategen und langweilige Macher, die verlässlich daran arbeiten – „to get things done“. Wir brauchen eine neue Kombination von Technologie und Design, von Schnelligkeit, ungewöhnlicher Kreativität und großer Verantwortlichkeit. Das sind die wirklichen Herausforderungen dieser disruptiven Zeit. Und deshalb brauchen wir Disruptive Thinking.

3. Machen wir Widersprüche produktiv?

Disruptive Thinking ist die Disziplin, die Widersprüche produktiv macht – in den Köpfen wie in unseren Organisationen. Sie arbeitet mit Fragen und Spannungsfeldern. Sie versteht Dilemmasituationen. Disruptive Thinking hilft, sich in andere, fremde Positionen hineinzuversetzen, in die Rolle des Angreifers zu schlüpfen, Routinen zu brechen und das eigene Geschäftsmodell in Frage zu stellen. Mit einem Wort: Es stärkt die Innovationsfähigkeit.

Disruptive Thinking hilft den Querdenkern und Erneuerern aber auch, sich in die Lage derer hineinzuversetzen, die in der Organisation mit mühsamen Routinetätigkeiten, mit dem Abarbeiten von laufenden Projekten, mit der Optimierung von Prozessen, kurz mit dem „Exploite“ beschäftigt sind. Es hilft ihnen, diese Kolleginnen und Kollegen in ihrer Arbeit zu unterstützen, also eine Brücke von der neuen Organisation in die alte zu schlagen, damit es die Organisation nicht zerreißt. Disruptive Thinking ist vorbeugende schöpferische Störung – mit dem Ziel, unheilvolle Zerstörungen abzuwenden und in der Organisation neues, kreatives Vertrauen zu fördern.

Seite 1:

Wollen wir Dinge wirklich anders machen?

Seite 2:

Die kreative Revolution

Kommentare zu " Disruptive Thinking: Wollen wir Dinge wirklich anders machen?"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • DISRUPTIVE THINKING
    Wollen wir Dinge wirklich anders machen?
    von:
    Bernhard von Mutius
    Datum:
    22.10.2017 08:27 Uhr

    ...........................................

    DISRUPTIVE THINKING ... IST GENAU WAS EIN KONTINENT WIE EUROPA DRINGEND VORAN BRINGEN MUSS und gleich mit den Politiker in Brüssel damit beginnen !

    Dieser Beitrag hier kann man nur LOBEN UND EMPFEHLEN !
    JEDER POLITIKER IN BRÜSSEL MÜSSTE ES IN KOPIE FORM AUSGEHÄNDIGT BEKOMMEN und zum Lesen verpflichtet werden als auch verpflichtet werden an solche Kurse teilnehmen zu müssen um es erst für sich auch kennen zu lernen um es dann auch gezielter Anwenden zu können !

    ===>>> DANN BEMERKT DIESE EUROPÄISCHE UNION auch die eigene Fehler !!!

  • „Wir spüren, es geht nicht nur um Technologie. Es geht um einen sozialen und kulturellen Umbruch.
    Es geht um Existentielles. Vielleicht auch um Sinn.
    Doch wie (…) Finden wir überhaupt noch Zeit zum Denken im Handeln?“

    Die müssen wir uns ganz einfach nehmen. Eben weil es um Existentielles geht.

    Zum Stichwort „Technologie“: Hier muss immer die Frage Priorität haben, ob sie wirklich im Dienst der gesamten Gesellschaft (also a l l e r Menschen) steht, und wie zuverlässig verhindert werden kann, dass Einzelne sie für ihre Zwecke missbrauchen können. Interessanter Beitrag hierzu: http://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/weltspiegel/videos/china-zukunft-heisst-totalueberwachung-106.html

    Mindestens genauso aufschlussreich m.E. der Beitrag zu den Stichwörtern „Existentielles“ und „Sinn“: http://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/weltspiegel/videos/kiew-ein-engel-und-seine-kinder-video-100.html

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%