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Gastkommentar zum neuen Entgeltgleichheitsgesetz
„Das Einkommen ist ein größeres Tabu als die sexuelle Orientierung“

Das neue Entgeltgleichheitsgesetz hilft, alte Lohnungerechtigkeiten abzuschaffen, meint Henrike von Platen. Die Finanzexpertin wird heute als eine von elf Sachverständigen im Familienausschuss des Bundestages angehört.
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BerlinDie Gehaltsunterschiede zwischen Fach- und Führungskräften in Deutschland sind groß. Schaut man sich die Gehälter genauer an, werden eklatante Unterschiede zwischen den Branchen, Bundesländern und Berufsgruppen deutlich. Vor allem verdienen Frauen im Durchschnitt signifikant weniger als Männer.

Geredet wird darüber kaum: Das eigene Einkommen ist in Deutschland ein größeres Tabu als die sexuelle Orientierung. Im Ergebnis wissen wir viel über statistische Lohnlücken, sprechen aber nur selten über konkrete Gehaltsgräben. Die Schieflage bleibt im Unternehmensalltag meist abstrakt. Nun schafft das neue „Gesetz zur Förderung der Transparenz von Entgeltstrukturen“ Abhilfe und sorgt für einen Auskunftsanspruch – am 6. März werden dazu im Bundestag 11 Sachverständige angehört. Denn die Ungerechtigkeit hält sich trotz aller Gleichstellungsbemühungen hartnäckig, es ist dringend Zeit, etwas zu unternehmen.

Das Phänomen Gender Pay Gap ist altbekannt: Schon vor 111 Jahren machte Alice Salomon auf die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern aufmerksam – und obwohl ein ICE nach der deutschen Sozialreformerin benannt wurde, ist es in Sachen Entgeltgleichheit seitdem allenfalls im Schneckentempo vorangegangen. Ursachen für das niedrigere Einkommen von Frauen gibt es viele: Frauen ergreifen die „falschen“ Berufe, sind seltener in Führungspositionen zu finden und übernehmen weniger Verantwortung. Stattdessen arbeiten sie in Teilzeit oder bleiben ganz zuhause, kümmern sich um die Kinder oder pflegen die Eltern. Frauen sind geringer qualifiziert, bekommen niedrigere Angebote oder verhandeln schlechter.

Dabei sind in Deutschland immer mehr Frauen erwerbstätig: Waren es im Jahr 2000 noch 58 Prozent, gehen heute 70 Prozent aller Frauen einer Arbeit nach. Bloß tragen sie im Durchschnitt nicht einmal ein Viertel zum Haushaltseinkommen bei, was sich auch in den späteren Rentenbezügen wiederspiegelt: Bei 57 Prozent liegt der Pension Pay Gap zwischen Männern und Frauen nach dem Ende der Erwerbsarbeit.

Die Bezifferung der Entgeltungleichheit zwischen den Geschlechtern fällt je nach Berechnungsart mal mehr, mal weniger groß aus: Der reale Gender Pay Gap beträgt aktuell 21 Prozent. Doch selbst wenn sämtliche den äußeren Ungleichheiten geschuldeten Unterschiede abgezogen werden, bleibt am Ende eine durchschnittliche Gehaltsdifferenz in Höhe von 7 Prozent, die durch nichts zu erklären ist – wohlgemerkt zwischen Beschäftigten, die gleichwertige Arbeit in exakt dem gleichen Umfang leisten.

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Jedes Unternehmen will gerecht entlohnen

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Das Gesetz schafft Ungleichbehandlung nicht ab

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