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Kommentar zur Google-Affäre
Raus aus der Echokammer

Google hat auf das sexistische Memo eines Mitarbeiters mit dessen Entlassung reagiert. Doch der Rausschmiss erstickt lediglich die notwendige Diskussion über weit verbreitete Vorurteile im Silicon Valley. Ein Kommentar.
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Die Schwindelei, die sich das Silicon Valley gern selbst erzählt, geht so: Die Westküste ist die Neuauflage des amerikanischen Traums. Wer hierher kommt, Arbeitswille, Ehrgeiz und Disziplin beweist, kassiert irgendwann ein Millionengehalt. Und selbstverständlich starten dabei alle mit den gleichen Chancen.

Mit dieser Ideologie rechtfertigen Apple, Google oder Facebook die ökonomische Unterwerfung der restlichen Welt – und interpretieren dabei geltende nationale Gesetze immer wieder durchaus freiheitlich und im eigenen Sinne. Ganz nach dem Motto: Vergebt uns, wir tun Gutes und bringen Fortschritt, Wohlstand sowie Gerechtigkeit für alle. Wir sorgen für ein besseres Leben aller Menschen.

Doch inzwischen bekommt dieses sorgsam gezeichnete Bild zunehmend Risse. In unschöner Regelmäßigkeit rütteln Sexismus-Vorfälle am penibel gepflegten Image. Aktueller Fall: Bei Google verfasste der Mitarbeiter James Damore ein frauenverachtendes Manifest. In dem behauptete er, Frauen seien aus biologischen Gründen einfach weniger geeignet für einen Job in der Techindustrie, vor allem wegen ihrer Gefühligkeit und allgemeiner Stress-Intoleranz. Das Pamphlet sorgte quer durch die ganze Branche für eine heftige Debatte über die Arbeitskultur beim Suchmaschinenriesen. Chef Sundar Pichai persönlich ordnete die Entlassung des Mannes an.

Der Vorfall zeigt, wie sehr sich im kalifornischen IT-Tal ein erzkonservatives Denken verfestigt hat: IT ist Männersache, Frauen können einfach nicht mit Computern. Das, was Damore verfasst hat, spricht vielen im Silicon Valley aus dem Herzen - leider.

Auch Facebook kämpft gegen ähnliche Kritik, seit interne Unterlagen den Schluss nahe legten, dass die Arbeit von weiblichen Programmieren 35 Prozent häufiger zurückgewiesen wird als die von Männern. Ganz zu schweigen von der Bro-Kultur bei Uber, die die ganze Tech-Branche monatelang mehr als peinlich berührte. Die bestehenden Praktiken, all die Schulungen und Führungskräfte-Belehrungen für mehr Chancengleichheit haben bislang offensichtlich nichts bewirkt.

Google und Co. versuchen das Problem zu relativieren. Es gebe keinen ausgeprägten Sexismus, die Situation für Frauen anderswo - etwa in Deutschland - sei weitaus schlimmer. Sowieso solle man nicht vergessen, welch gigantische Wirtschaftskraft die Westküste freisetze. Doch die Argumente ziehen nicht mehr: Der Sexismus im Silicon Valley ist virulent, die schöne Vision von Freiheit und Chancengleichheit ist nichts als Illusion. 80 Prozent der Googler mit technischen Aufgaben sind Männer. Das US-Arbeitsministerium wirft Google vor, Frauen bei den Gehältern zu diskriminieren. Eine Anwaltskanzlei aus San Francisco will bereits 70 weibliche Mitarbeiter als Mandaten für eine Sammelklage gefunden haben.

Die Entlassung des Memo-Verfassers mag auf den ersten Blick nach hartem Vorgehen gegen diesen Sexismus aussehen. Doch das Feuern von Kritikern löst das Problem nicht. Es erstickt vielmehr die so dringend erforderlich und offene Diskussion mit den Betroffenen über ihre Einstellungen.

Die Entscheidung von Google-Chef Pichai kann durchaus als Indiz dafür gelten, dass ein zentraler Vorwurf in dem sexistische Pamphlet des Ex-Googlers mit dem Titel „Googles ideologische Echokammer“ zutrifft: Im Konzern würden konservative Meinungen jenseits des Mainstreams nicht gehört. Dafür spricht, dass viele hochrangige Kollegen dieser Aussage zustimmten, das Schriftstück bei Google intern nicht nur kritisiert, sondern auch gelobt wurde.

Das zeigt das Kernproblem von Google und Co, das weit über den verbalen Fehltritt eines Machos hinaus reicht: Innerhalb des Konzerns und auch innerhalb anderer Internetriesen existieren erzkonservative Strömungen, die intern kein Gehör finden.

Nun hat es aber noch nie funktioniert, solche Strömungen zu verschweigen oder entsprechende Stimmen mundtot zu machen. Eine solche Strategie führt nur zu einer weiteren Eskalation. Es reicht auch nicht, ein paar neue Diversity-Manager zu engagieren. Um Vorurteile aufzubrechen, braucht es eine offene Kultur, in der auch Meinungen gehört werden, die absurd sind, die weh tun oder die dem eigenen Selbstverständnis zutiefst widersprechen. Die Weltanschauung der Anderen einfach kleinzureden, zu verlachen, zu ignorieren, führt zwangsläufig zu Realitätsverlust.

Diskriminierender Dumpfsinn darf nicht ignoriert werden. Google muss dem Vorwurf der Echokammer – mit diesem Begriff beschreiben Kommunikationswissenschaftler, wie es durch den verstärkten Umgang mit Gleichgesinnten zu einer Verengung der Weltsicht kommt – auf den Grund gehen.

Das probate Werkzeug dazu haben Konzerne wie Google im eigenen Haus. Es ist ihre Technologie-Strategie, auf der ihr Erfolg im Kerngeschäft fußt: offene Systeme und Partnerschaften. Alles spricht dafür, beides auch zum Kern der internen Debattenkultur zu machen – und zwar schnellstmöglich.

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