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Monique R. Siegel „Frauen bringen Skills mit, von denen Männer nur träumen können“

Die Wirtschaftsethikerin Monique R. Siegel kämpft für die Karrierechancen von Frauen. Ein Gespräch über Frauen in der Wirtschaft, falsche Ansätze – und zu viel Gleichheit.
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Frauen als Vorstandschefin – eine Seltenheit in deutschen Dax-Konzernen. Quelle: Getty Images

Frauen als Vorstandschefin – eine Seltenheit in deutschen Dax-Konzernen.

(Foto: Getty Images)

Düsseldorf/ZürichDie Wirtschaftsethikerin kämpft für die Karrierechancen von Frauen. Doch für sie ist klar: Wir haben keine Zeit mehr, um über weibliche Diskriminierung zu diskutieren. Brauchen wir auch nicht. Denn die Veränderungen sind längst da.

Frau Siegel, brauchen wir mehr Gleichheit in den Führungsetagen zwischen Mann und Frau?
Ich habe genug von dem Wort gleich. Gleich, das ist die falsche Voraussetzung. Männer und Frauen sind total verschieden. Ich bin dafür: Vive la différence! Nur durch diese Verschiedenheit können wir zu neuen Lösungen kommen.

Besonders weit sind wir in der Wirtschaft aber nicht, wenn es um die Karrierechancen der Frauen geht…
Wenn es um das Thema Mann/Frau geht, haben wir den falschen Ansatz. Wir gehen von der Froschperspektive aus. Ich, ich, ich. Das Ich steht im Mittelpunkt. Ich werde diskriminiert, ich kriege nicht das, was ich kriegen sollte; es ist sehr bequem, das Schicksal, als Frau geboren worden zu sein, zu beklagen. Aber ich sehe das völlig anders.

„Es geht nicht mehr nur um die einzelne Karriere einer Frau, es ist eine volkswirtschaftliche Angelegenheit.“ Quelle: privat
Monique R. Siegel

„Es geht nicht mehr nur um die einzelne Karriere einer Frau, es ist eine volkswirtschaftliche Angelegenheit.“

(Foto: privat)

Wie denn?
Ich sehe eine Welt um uns herum, die immer mehr aus den Fugen gerät. Wenn Sie die drängendsten Probleme unserer Zeit nehmen, ob Korruption oder der Nachhall der Finanzkrise, Flüchtlinge, oder Donald Trump oder der Rechtsruck in Europa, dann ist klar: Wir haben doch keine Zeit, uns noch weiter mit Diskriminierung und Quoten herumzuschlagen. Wir brauchen neue Lösungen, und neue Lösungen entstehen, indem man zwei Dinge, die schon da sind, miteinander verbindet. Aber auf neue Art. Männliches Denken, weibliches Denken, das zusammen ergibt den berühmten dritten Weg und vielleicht neue Lösungen.

Suchen wir nach neuen Lösungen?
Zu wenig. Nach der Finanzkrise 2008 hätte das eigentlich das Todesurteil für unsere Art der Wirtschaft sein müssen. Aber nein, es war nur ein Koma – und offensichtlich haben wir uns ans Koma gewöhnt. Und jetzt – fast zehn Jahre danach –haben wir das immer noch nicht bewältigt und machen einfach weiter. Im Gegenteil, die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer...

Auch die Gehälter zwischen Mann und Frau klaffen immer noch auseinander...
Das ist eine derartige Blamage für die Wirtschaft, dass sie sich das vorhalten lässt. Wo ist der Stolz der Männer? Ich kann mir doch als Chef nicht erlauben, diese Anklage zu hören, dass das Unternehmen nicht gleichen Lohn zahlt. Männer haben offenbar einfach akzeptiert haben, dass sie mehr kriegen als Frauen. Doch insgesamt tut sich etwas – und zwar auf freiwilliger Basis. Das werden Sie mit einer Quote auch nicht regeln.

Wann ist Werbung sexistisch?
Heiss, heiss, Baby!
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Man muss kein Genderforscher sein, um zu erkennen, dass dieses freizügige Plakat das - nun ja, ausgelutschte - Stereotyp von Frauen als Sexobjekt verstärkt. Der Deutsche Werberat hat im Jahr 2016 eine starke Zunahme von Beschwerden wegen geschlechterdiskriminierender Werbung verzeichnet.

Bei Samenstau schütteln
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Mit sexuellen Anspielungen bringt sich auch der Bonner Saftladen True Fruits regelmäßig in die Schlagzeilen – etwa mit einer Saft-Sorte mit Chia-Samen. Zwar löste die Kampagne heftige Diskussionen aus, verboten sind die anzüglichen Sprüche jedoch nicht. Ist wohl Geschmackssache.

Guck nicht so!
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Bei dieser Werbung des Autobauers VW handelt es sich um einen klaren Fall von „Male Gaze“, wie die Initiative Pinkstinks in einem Blogbeitrag erklärt. Der Begriffe bezeichnet das aktive männliche Starren auf Frauen, und in jedem Fall geht es um Macht. Gängige Strategie, um das Phänomen zu verharmlosen, ist übrigens die Naturalisierung. Nach dem Motto: Männer sind halt so. Frauen auch. Sie können nicht anders.

Herr Kundler und sein Team
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Lauter lächelnde Damen im kleinen Schwarzen, gruppiert um den ernst blickenden Macher in der Mitte - warum trägt er eigentlich einen so biederen blauen Anzug? Die Frauenrechtlerin Inge Bell brachte die Debatte um dieses Foto ins Rollen, als sie in einem Facebook-Post die Assoziation zum Rotlicht-Milieu zog. Am Ende landete der Fall vor Gericht. Geklagt hatten allerdings die Mitarbeiterinnen, die sich von Bells Beitrag, der viral ging, beleidigt sahen und eine einstweilige Verfügung erwirkten.

Messe-Hostessen
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Geht es um Autos, gilt nicht selten noch immer die alte Formel „Bolide plus Bein“, wie hier auf einem Modell des Autobauers Audi. Bis sexy Frauen auf Automessen, wo sich fast nur Männer tummeln, nicht mehr zur Produktpräsentation genutzt werden, müssen wohl noch ein paar Jahre vergehen...

Touch it
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Auch dieses Plakat der Marke Replay ist ein Aufreger aus der Werbeszene. Das Bild mit den drei oberkörperfreien Frauen unterstellt und befördert den Objektstatus und die sexuelle Verfügbarkeit von Frauen - ebenso wie Normalisierung sexueller Übergriffe gegen Frauen. Pinkstinks zum Beispiel kritisiert: „Die Werbung scheint grundsätzlich die Frage zu stellen, ob sie mal anfassen darf, und die Antwort gleich mitzuliefern: Aber selbstverständlich.“

Ist es ein Mädchen?
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Zumindest fragwürdig sind geschlechterspezifischer Süßkram oder Gender-Food. Wer braucht im Ernst unterschiedliche Gurken- oder Chipssorten für Männer und für Frauen? Richtig System hat das ganze schon längst bei Schokolade, wie dieser Fall von Lindt zeigt.

Warum nicht?
Der Ansatz ist nicht richtig. Sie können noch hunderttausend Mal danach schauen, ob eine Frau genauso gut wie der Mann arbeitet, das bringt jedoch nichts. Man muss stattdessen den Arbeitsplatz bewerten. Was bringt dieser Arbeitsplatz? 200.000, 250.000 Euro? Dann ist es egal, ob da ein Rock oder eine Hose drauf sitzt. Wenn Sie jemanden würdig finden, diesen schwierigen Arbeitsplatz zu bekleiden, dann ist es geschlechterunabhängig. Abgesehen davon, dass ich jederzeit eine Frau nehmen würde, weil die mehr mitbringt.

Was denn?
Die praktische Erfahrung, diese Dimension, die Männer nicht kennen.

Da höre ich schon einige Männer entrüstet aufschreien...
Wie kann man zwei Kinder, die zwei ganz verschiedene Wünsche für den Nachmittag haben, dazu bringen, einen dritten Wunsch zu akzeptieren, an den sie gar nicht gedacht haben und damit Frieden schaffen? Kurz gesagt: Verhandeln. Das lernen – vor allem immer noch – Frauen mit Kindern. Die wir viel zu lange nicht gewürdigt haben oder sogar diskriminiert haben, eben weil sie Kinder haben. Doch diese Frauen bringen Skills mit, von denen Männer nur träumen können. Männer lernen Verhandlungstechnik an der Universität. Bisher mussten Frauen das häufig aus sich heraus lernen oder managen. Das ist ein Skill, den man nicht aus Büchern lernen kann, sondern nur aus der Praxis.

Doch in der Praxis sind es vor allem die Männer, die in dem Führungsebenen dominieren….
Das ändert sich durch den Megatrend Female Shift. Noch nie haben wir eine so große Menge von bestausgebildeten Frauen gehabt. Das ist eine völlig neue Situation. Vor zwanzig Jahren ist vor allem bei Jungs diese Null-Bock-Mentalität entstanden. Sie entdeckten die Computerspiele, alles war interessanter als zur Schule zu gehen. Frauen sind in diese Lücke gerutscht. Heute gibt es so viele Frauen in Toppositionen wie noch nie. Das hätte es vor zehn Jahren nicht gegeben, die Veränderung hat sich fast unmerklich abspielt. Prozesse sind eben nicht so sexy wie Resultate.

Welchen Anteil tragen Frauen daran, dass es immer noch wenige in Führungspositionen gibt?
Frauen haben immer noch ein zu geringes Selbstbewusstsein. Wenn ich weiß, dass ich zu 51 Prozent der Menschheit gehöre, trete ich ganz anders auf als wenn ich sage: Bitte, bitte, lass mich mitspielen.

Was also als Frau tun?
Es geht nicht mehr nur um die einzelne Karriere einer Frau, es ist eine volkswirtschaftliche Angelegenheit. Frauen, die erst an der Uni studiert haben, sollen der Gesellschaft auch etwas dafür zurückgeben und das heißt, dass sie mehr Verantwortung übernehmen müssen. Ich habe mein ganzes Leben dafür gearbeitet, dass es Optionen gibt. Jetzt sind die Optionen da, nun können Frauen wählen. Und wenn sie sich dafür entscheiden, zehn Jahre zu Hause bleiben, dann sollen sie ein paar tolle Kinder erziehen, das ist auch okay.

Frau Siegel, vielen Dank für das Gespräch.

Monique R. Siegel, Jahrgang 1939, hat in New York in Germanistik promoviert und arbeitete dann als Rektorin und Bildungsmanagerin (AKAD Akademikergemeinschaft für Erwachsenenbildung, Zürich). 1980 machte sich die Wirtschaftsethikerin und Autorin selbstständig. Seitdem schreibt, referiert und engagiert sie sich für Karrierechancen für Frauen. Ihr neuestes Projekt: Der ThinkTank Female Shift. Monique R. Siegel lebt in Zürich.

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1 Kommentar zu "Monique R. Siegel: „Frauen bringen Skills mit, von denen Männer nur träumen können“"

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  • Einfach nur toll, dass sich etliche Menschen in dieser Republik dadurch wichtig machen wollen, indem sie Amerikanismen verwenden (in diesem Fall "Skills"). Der schöne deutsche Begriff "Fähigkeiten" hätte gereicht, um auszudrücken worum es sich handelt.

    Herzlich willkommen im "Challenge"-Land 8-)

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