Pinkstinks Deutschland: Jungs dürfen nicht schwach sein und Rosa tragen

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Pinkstinks Deutschland
„Der Konsumterror zementiert unsere Rollenbilder“

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Jungs dürfen nicht schwach sein und Rosa tragen

Woran machen Sie das fest?
Das kennt wohl jede Mutter: Ein Junge, der eine rosa Mütze trägt, ist schwul, und das ist dann direkt auch etwas Schlimmes. Jungs dürfen in dieser Gesellschaft auf keinen Fall schwach sein und Gefühle zeigen. Wir wollen zwar, wenn sie erwachsen und Männer sind, dass sie im Haushalt mitarbeiten, wissen, wie das mit der Wäsche geht und genauso emphatisch reagieren wie die Mütter, wenn das Kind schreit. Aber gleichzeitig haben sie als Kinder nicht gelernt, mit Puppen zu spielen und sie zu wickeln. Wer sagt schon zu seinem Sohn: „Und, hat Teddy auch gut geschlafen? Hast du ihm auch was zu Trinken gegeben?” Das fragt man nur Mädchen.

Aber Sie bleiben dabei: Es ist nicht Aufgabe der Eltern, gegen Rollenbilder anzugehen, sondern die Werbung muss sich ändern?
Beides. Wir von Pinkstinks sagen, dass Werbung ein Spiegel der Gesellschaft und gleichzeitig auch Produzent der Gesellschaft ist. Aber wer in Deutschland BWL studiert, der lernt, dass Werbung nur der Spiegel der Gesellschaft ist. International spricht man längst davon, dass Werbung auch Verantwortung hat.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Neben Sie den Konsumgüterkonzern Unilever, dort sagen die CEOs inzwischen ganz klar: Wir haben eine Verantwortung. Natürlich sagen sie das nicht nur, weil sie Gutmenschen sind, sondern auch weil sie eine Studie in Auftrag gegeben haben mit dem Ergebnis, dass sich 40 Prozent ihrer Kundinnen nicht mit der Werbung identifizieren können. Gleichzeitig merken sie als Wirtschaftsunternehmen, dass sie sich verändern müssen, damit etwas in der Gesellschaft passiert. Da sind wir Deutschland leider noch nicht. In den USA oder in Großbritannien ist man schon viel weiter als bei uns.

Wie erklären Sie sich das?
Weil der Widerstand gegen die Pinkifizierung bei den Briten und den Amerikanern schon viel früher angefangen hat. Es gab früh schon Kampagnen wie „Let Toys be Toys“ oder „Let Clothes be Clothes“, die unglaublich viel erreicht haben. In England beispielsweise haben die Kaufhäuser Harrods und Harvey Nichols keine ausgewiesenen Jungs- und Mädchenabteilungen mehr. Auch bei Boots, das ist eine sehr populäre britische Drogeriekette, gibt es keine Nur-für-Jungs- und Nur-für-Mädchen Produkte mehr.

Sie haben Pinkstinks in Deutschland vor fünf Jahren gegründet, auch damals startete gerade eine neue Staffel von Germany’s Next Topmodel (GNTM).
Ja, das war der Auslöser. Ich habe in Gender-Studies promoviert und unterrichtete damals an der Universität über GNTM. Eine Studie hatte gerade ganz klar nachgewiesen, dass die Sendung das Körperbild von Mädchen schädigt, dass Magersüchtige davon beeinflusst sind. Zur selben Zeit hingen in Hamburg überall auf den Litfaßsäulen von Ströer die Plakate für die neue Staffel. Ich hatte also die Ergebnisse dieser Studie im Kopf, und dann gehe ich durch die Stadt und denke: Das können wir nicht machen.

Das war der Startschuss für Pinkstinks.
Eigentlich war ich nur eine Hochschuldozentin, die einen Leserbrief geschrieben und gefragt hatte: Wo ist die Aufsicht? Wer kontrolliert das? Aber dann interviewte mich die „Zeit“, und es kam eins zum anderen. Einer bot an: Wenn Du das machst, baue ich Dir eine Webseite. Der nächste versprach, das Design zu machen. Ich habe ganz kurz überlegt, aber dann meine Lehraufträge gekündigt und gesagt: Ich mache das.

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