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Top-Manager unter Druck
Wenn Angst die Karriere blockiert

Andere ziehen dauernd an Ihnen vorbei und der Job macht keine Freude mehr? Dann leiden Sie vielleicht unter verborgenen Ängsten. Karriereberaterin Madeleine Leitner kennt zahlreiche Fälle. Besonders betroffen: Männer.
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KölnSie fragen sich, warum Ihre berufliche Entwicklung stagniert? Warum andere an Ihnen vorbeiziehen und Ihnen der Job keine Freude mehr macht? Dann leiden Sie vielleicht unter verborgenen Ängsten. Fachlich spricht man von „sozialphobischen Tendenzen“. Aus ihrer täglichen Praxis kennt die Diplom-Psychologin und Karriereberaterin Madeleine Leitner zahlreiche solche Fälle. Vor allem Männer aller Altersgruppen, so Leitner, sind davon besonders betroffen.

„Männer leiden heute mehr denn je unter völlig unrealistischen Erwartungen“, erläutert Leitner. „Sie müssen liebevolle Väter sein, perfekte Liebhaber, einen Waschbrettbauch haben, im Haushalt helfen und selbstverständlich auch eine fantastische Karriere hinlegen. Kurz: sie sollen der unfehlbare Superheld sein.“ Welcher normale Mann ist solchen Erwartungen schon gewachsen?

Allerdings hat gerade in unserer Gesellschaft die Angst vor dem Scheitern ein großes Bedrohungspotenzial bei Männern. Sie geht einher mit einem starken Gefühl von Beschämung und Blamage. „Die Wurzeln werden schon in der Kindheit gelegt. Zum Beispiel durch überzogene Erwartungen von Eltern. Oder durch negative Erfahrungen in der Schule, wenn Lehrer Schüler vor versammelter Klasse bloßstellen. Oder wenn Mitschüler andere ausgrenzen und schikanieren“, erklärt die Münchner Psychologin.

Die Betroffenen riskieren daher später im Berufsleben lieber nichts und versuchen alles, um nur ja nicht ins Rampenlicht zu geraten. Mit der Zeit wird ihr Vermeidungsverhalten immer mehr zur Gewohnheit, die ursprünglichen Ängste geraten in den Hintergrund. Ihr Leben wird allerdings fad, der Job bereitet keine wirkliche Freude. Wenn sie dann schließlich irgendwann doch Hilfe suchen, ist den Wenigsten die eigentliche Ursache ihrer Unzufriedenheit bewusst.

„Es erfordert einige Erfahrung, um zu erkennen, dass hinter beruflicher Unzufriedenheit eigentlich Versagensängste stecken“, sagt Leitner. „Für viele Klienten ist diese Erkenntnis dann erst einmal eine riesengroße Überraschung.“

So hatte sich ein Top-Manager, der mit dem Verlauf seine Karriere unzufrieden war, unbewusst immer in die Position des Zweiten begeben. Im Gespräch fiel ihm ein, dass seine ehrgeizige Mutter vor seiner Einschulung einen Intelligenztest veranlasst hatte. Von ihrer Begeisterung über den „zweiten Einstein“ fühlte sich der kleine Junge völlig erschlagen. Ihm war klar, dass er diese Erwartungen niemals würde erfüllen können. Von da an war jegliche Freude an Leistung verschwunden. Er vermied exponierte Positionen und führte ein Schattendasein – das Rampenlicht überließ er gerne anderen. Nachdem ihm diese Zusammenhänge bewusst waren, übernahm er eine verantwortungsvolle Rolle in der ersten Reihe.

Kommentare zu " Top-Manager unter Druck: Wenn Angst die Karriere blockiert"

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  • Wer versucht, es allen recht zu machen, kann nur verlieren. Vor allem sich selbst.

    Hauptsache, man legt sich, sobald man alt genug dazu ist, ein gutes eigenes Wertegerüst zu und versucht dann, danach zu leben, statt sich von der Meinung anderer abhängig zu machen (und seine Zeit mit dem – von vornherein zum Scheitern verurteilten - Versuch, den Erwartungen anderer zu genügen, zu verschwenden). Was natürlich nicht heißt, dass man für Anregungen und konstruktive Kritik nicht offen bleiben soll.

    Authentizität ist das Allerwichtigste.

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