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Von Alphatieren und übergroßen Egos Wie man sechs Jahre lang bezahlten Urlaub machen kann

Egomanie, Einzelinteressen der Mächtigen, Nepotismus: nur drei der gefährlichsten Faktoren, die geeignet sind, den Untergang eines Unternehmens einzuläuten.
  • Andreas Krebs, Paul Williams
2 Kommentare
Wie man sechs Jahre lang bezahlten Urlaub machen kann Quelle: Getty Images

Ein Beamter in Südspanien hat erfolgreich eine Lücke im System genutzt. Nach einer Versetzung fühlte sich kein Vorgesetzter für ihn zuständig – was der heutige Pensionär nutzte, um seinem Job sechs Jahre fern zu bleiben.

(Foto: Getty Images)

DüsseldorfAuf der Suche nach Gründen für rasante Firmenabstürze legen die erfahrenen Unternehmer Andreas Krebs und Paul Williams systematisch die Faktoren frei, die geeignet sind, den Untergang eines Unternehmens einzuläuten: Egomanie, Einzelinteressen der Mächtigen, Nepotismus und viele mehr. In ihrem Gastbeitrag, den sie unserem Businessnetzwerk Leader.In zur Verfügung stellen, liefern sie Insiderstorys, bestechen durch schwarzen Humor, lassen Topmanager zu Wort kommen und geben konkrete Impulse, wie es Führungskräften heute gelingt, auch und gerade in Zeiten sicher geglaubter Erfolge wachsam zu bleiben - und was sie dabei vom Untergang der Incas lernen können.

"Verblüfft haben mich zwei CEOs, die einen schwierigen Abgang aus ihrer alten Firma hatten und dann in der neuen Firma ein Konkurrenzprodukt aufbauten, einfach aus Rache. Diese ›Ich zeig’s euch‹- Momente haben gigantische Investitionen getrieben." - Topmanager, den Autoren bekannt

Wer sich unbesiegbar wähnt, trifft die falschen Entscheidungen und führt womöglich seinen eigenen Untergang herbei. Dafür gibt es kaum ein eindrücklicheres Beispiel als das Schicksal der Incas. Besonders groß ist die Gefahr, wenn sich die Spielregeln ändern: in Zeiten der Disruption, wie wir heute sagen würden. Am 16. November 1532 treffen in den Bergen bei Cajamarca zwei Welten aufeinander: Der spanische Konquistador Francisco Pizzaro stößt mit nur 180 Soldaten und 27 Reitern auf das vielfach überlegene Heer der Incas. Auf 12.000 Mann schätzten Chronisten die Zahl der Inca-Krieger, und doch gehen die Spanier aus dieser Konfrontation als Sieger hervor.

Die Geschichte der Incas fasziniert bis heute nicht zuletzt durch ihr tragisches Ende: Eine Dynastie, die binnen weniger Jahrzehnte ein riesiges Imperium schuf, wird am Ende von einem Haufen Abenteurern besiegt? Das ist nur ein kleiner Teil der Wahrheit. Zum Verhängnis wird dem herrschenden Inca Atahualpa zum einen der Glaube an die eigene Unbesiegbarkeit. Diese Überzeugung ist so stark, dass die Incas den Spaniern völlig unbewaffnet gegenübertreten. Der Inca-König ist sich sicher, seine gottgleiche Erscheinung werde die Fremden beeindrucken.

Doch als er eine Bibel, die man ihm überreicht, ratlos prüft und zu Boden schleudert, eröffnen die Spanier das Feuer. Atahualpa wird gefangen genommen und ein knappes Jahr später hingerichtet. Auch nach dieser verheerenden Schlacht wäre vielleicht noch ein Umschwung möglich gewesen – wären die Incas nicht durch einen blutigen Bruderkrieg um die Herrschaft geschwächt gewesen.

Seit 1527 rangen Atahualpa und sein Halbbruder Huáscar um die Herrschaft, die ihr Vater Huayna Cápac unter beiden aufgeteilt hatte. Ergebnis war ein Bürgerkrieg, der das ganze Reich entzweite, zahllose Tote forderte und Aufstände begünstigte. Noch heute heißt ein See in Peru nach einer der vielen Schlachten zum Ende des Reiches Yaguar Cocha (»Blutsee«). Viele ethnische Gruppen verbündeten sich mit den Spaniern, in der Hoffnung, so die Inca-Herrschaft abzuschütteln, und die Spanier wussten dies klug zu nutzen. Schließlich rafften auch eingeschleppte Seuchen wie Pocken, Grippe und Masern Tausende der Indios dahin und beschleunigten den Untergang.

Für den Inca-König Atahualpa war völlig klar, dass die Neuankömmlinge nach seinen Regeln spielen würden. Ein Irrtum, der an den CEO eines Großunternehmens erinnert, der einem Start-up-Gründer nach einer überzeugenden Präsentation der Geschäftsidee etwas gönnerhaft "Viel Glück!" wünschte. Darauf überlegte der Youngster einen Moment, blickte dann auf und erwiderte gelassen: "Das wünsche ich Ihnen auch!" Wohl selten hat ein Topmanager so entgeistert geschaut.

In der Wirtschaftsgeschichte gibt es zahlreiche Beispiele, wie allzu siegesgewisse und erfolgsverwöhnte Unternehmen in Bedrängnis geraten. Erinnern Sie sich noch an die Geschichte von Nokia? Nicht viel besser erging es der deutschen Hi-Fi-Industrie von Braun über Dual bis Grundig bei Erstarken der unterschätzten fernöstlichen Konkurrenz, den Herstellern mechanischer Uhren bei Aufkommen der Digitaluhr oder der Musikindustrie, die sehr lange brauchte, um zu verstehen, dass fast nur noch ältere Herrschaften CDs kaufen.

Wenn die Zeiten schwierig sind, muss man alle Kräfte bündeln, um sich am Markt zu behaupten. Umso verheerender ist es, wenn ein Unternehmen sich gerade dann in internen Machtkämpfen und auf Nebenkriegsschauplätzen verzettelt, statt Wettbewerbern die Stirn zu bieten. Wären die Incas den Spaniern mit der gleichen Entschlossenheit entgegengetreten wie in den Jahrzehnten zuvor ihren Nachbarvölkern, müsste die Geschichte Lateinamerikas vielleicht neu geschrieben werden. Es gibt viele Gründe, warum die Incas die europäischen Eindringlinge nicht konsequent bekämpften: der Schock, den als Gott verehrten Herrscher im Handstreich gefangen genommen zu sehen, unbekannte Waffen wie Kanonen und Schusswaffen, fremde, furchterregende Tiere wie Pferde und Bluthunde. Und nicht zuletzt die Herausforderung, in einer bis dato abgeschotteten Welt erstmals mit einer völlig anderen Kultur konfrontiert zu sein. Da sind die Rahmenbedingungen
im modernen Wirtschaftskrieg – pardon: Wettbewerb – erheblich freundlicher.

Möglicherweise macht gerade das manchmal zu sorglos. Wie unbeweglich, wie stark mit sich selbst beschäftigt ist man in vielen Unternehmen? Wie oft werden Nebenkriegsschauplätze eröffnet, statt sich auf die wirklich wichtigen Fragen und die wahren »Gegner« zu konzentrieren? Was sind die Ursachen, wo sind die Auswege?

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2 Kommentare zu "Von Alphatieren und übergroßen Egos: Wie man sechs Jahre lang bezahlten Urlaub machen kann"

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  • Pardon, es muß selbstverständlich "Morgenland" heißen

  • "Für den Inca-König Atahualpa war völlig klar, dass die Neuankömmlinge nach seinen Regeln spielen würden. Ein Irrtum, der an den CEO eines Großunternehmens erinnert,..."


    Das erinnert mich vor allem an eine weise Herrscherin im mitlleren Okzident und deren gutdenkende Paladine, die genau das gleiche von Besuchern aus dem Mogenland denken und sich genauso irren werden.

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