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Weihnachten, Silvester & Co.
Machst du noch Party, oder feierst du schon?

Ob auf dem Oktoberfest, bei Hochzeiten, zur alljährlichen Weihnachtsfeier, auf Malle oder im Vereinsheim: überall wird lustig gefeiert und immer fließt der Alkohol in Strömen. Doch was feiern die Menschen da eigentlich?

Fulda„Die Leute kommen, um zu feiern“, sagt Gerlinde S. „Um was zu feiern?“, will ich wissen. „Zu feiern eben, einfach so“, lautet die Antwort der Gastwirtin. Die Szene ist das Örtchen Willingen im Sauerland. Bekannt für seine Skisprung-Schanze; noch bekannter aber als „Mallorca des Nordens“ oder „Party-Paradies“. Hierhin pilgern junge Leute, meistens junge Männer aus dem nahen Ruhrgebiet, um das zu tun, was man heute „feiern“ nennt: zu trinken, tanzen, Spaß zu haben. Und alles das im großen Maßstab.

Solches geschieht nicht nur in Willigen. „Gefeiert“ wird in Clubs und Discos überall im Lande, gefeiert wird bei zahllosen Oktoberfesten, Schützenfesten, Volksfesten jedweder Couleur. Gefeiert wird auf Malle oder im Vereinsheim. Und immer fließen dabei Ströme Alkohols; und meistens wird es dabei laut und lustig. Party-Laune allenthalben. Man feiert eben, einfach so.

Ist etwas schlecht daran? Wohl kaum, denn was ist schlecht daran, wenn sich die Menschen amüsieren? Schlecht wird es allenfalls, wenn sie sich – wie Neil Postman über die Kultur des Westens sagte – irgendwann zu Tode amüsieren. Aber bis dahin ist es – Komasaufen ausgenommen – doch ein weiter Weg. Und trotzdem nagt in mir ein Unbehagen, wenn ich jenen Kult des Feierns sehe, dem in Willingen und anderswo gehuldigt wird. Das Unbehagen rührt aus der genannten Frage, die ich jener Gastwirtin einst stellte: „Was feiern diese Leute eigentlich?“

Die Frage ist ja nicht ganz abwegig. Die deutsche Sprache legt es nahe, auf das Verbum „feiern“ ein Akkusativ-Objekt folgen zu lassen: „Weihnachten“ etwa, oder „Geburtstag“ oder „Hochzeitstag“. Es gibt reichlich Dinge, die man feiern kann. Und folglich hat die Menschheit auch an Feiern nicht gespart. Der kirchliche Festkalender des 17. Jahrhunderts wies in Südeuropa pro Jahr zuzüglich zu den regulären Sonntagen bis zu 90 Feiertage aus, im antiken Athen dürften es deutlich über hundert gewesen sein.

Doch unterschieden sich die Feiern der Altvorderen in jeder Hinsicht von den Feiern, die im Partyzelt abgehen. Denn immer gab es einen Grund zur Feier: Man feierte Athene oder den Dionysos. Man feierte Lokalheilige oder die großen Festtage des Kirchenjahrs. In jedem Fall waren die Feiern rückgebunden an etwas Besonderes, woran der Mensch sich freuen konnte. Die Feier öffnete den Raum, worin etwas geschah, was sich im Englischen gut formulieren lässt: to lift the spirit – der Geist wurde gehoben. Begeisterung fand statt – und zwar weil man nicht einfach um des Feierns oder Trinkens willen feierte, sondern um etwas Größeres, Bedeutendes zu würdigen.

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