Rezension „Der Circle“
Würden Sie Ihrem Kind einen Chip implantieren?

Privatsphäre ist Diebstahl, teilen ist heilen: In seinem Roman „Der Circle“ schildert Dave Eggers einen Internetkonzern, der die totale Transparenz fordert. Ein wichtiges Thema – aber eine allzu platte Botschaft.
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Düsseldorf„Wahnsinn. Ich bin im Himmel.“ Ein Roman, der mit diesen Worten anfängt, kann nicht gut ausgehen. So ist es auch im Fall von „Der Circle“, dem Roman des amerikanischen Autoren Dave Eggers, der am Donnerstag auf Deutsch erscheint: Er schildert, wie ein mächtiger Internetkonzern mit seiner Ideologie der Transparenz in allen Lebenslagen die Anonymität abschafft. Der Autor lässt keinen Zweifel daran: Das ist natürlich nicht der Himmel, sondern die Hölle.

Eggers schildert die Geschichte von Mae Holland, die beim Internetkonzern The Circle eine Stelle im Kundenservice antritt. Sie begeistert sich für das Volleyballfeld und die Kita auf dem Firmengelände, die Zentrale aus Glas und Stahl inmitten grüner Hügel und das kostenlose Essen.

Das Unternehmen hat ein System namens TruYou entwickelt, das sämtliche Aktivitäten im Internet zusammenführt, und damit ein Vermögen verdient. Das Geld setzt der Konzern zum einen ein, um seinen Mitarbeitern sämtliche Annehmlichkeiten zu bieten. Zum anderen investiert er in neue Produkte, die der Vision näherkommen: totale Transparenz.

Da gibt es beispielsweise kleine Kameras, die dank Satellitenanbindung von jedem Flecken der Erde Bilder liefern können – und das zu einem Kampfreis von 59 Dollar. „Tyrannen können sich nicht länger verstecken“, postuliert Firmenchef Eamon Bailey. Aber auch seine 81-jährige Mutter nicht, in deren Wohnung er heimlich so ein Gerät versteckt hat. „Privatsphäre ist Diebstahl“, und „alles was passiert, muss bekannt sein“, lauten die Losungen – und natürlich sollten alle Informationen auf den Portalen des Konzerns veröffentlicht werden.

Mae übernimmt diese Ideologie ohne große Widersprüche. Sie postet bald alles, was sie tut, im sozialen Netzwerk des Circle. Sie trägt ein Armband, das ihre Gesundheitsdaten laufend misst. Sie hängt Kameras im Haus ihrer Eltern auf, um ihren kranken Vater im Blick zu behalten. Und sie lässt sich davon überzeugen, „transparent zu werden“, also mit einer Kamera den ganzen Tag zu zeigen, was sie tut. Nur auf der Toilette darf sie kurz den Ton ausschalten. So wird sie zur Botschafterin dieser Firma und ihrer Ideologie.

Eggers liefert keine große Literatur. Dafür ist das Ende zu vorhersehbar, die Botschaft zu platt. Zweideutigkeiten sind auf den rund 560 Seiten nicht zu finden. Da frisst im Riesenaquarium auf dem Campus ein Hai mit tatsächlich transparenter Haut alle anderen Tiere auf, die in seinem Becken schwimmen. Die Gegenposition zur Ideologie liefert der Autor in Person von Maes Ex-Freund Mercer auch gleich mit: Der darf über die Gefahren des Circle referieren, damit es auch jeder versteht.

Dass der Roman nicht schillert, liegt auch an seinen Figuren. Die sind arg holzschnittartig geraten. So bejubeln die vielen, vermutlich hochintelligenten Hochschulabsolventen, die auf dem Campus des Circle arbeiten und Partys feiern, die neuen Überwachungsideen ihrer Chefs kritiklos. Protagonistin Mae braucht zwar eine gewisse Zeit, um sich an die Transparenz zu gewöhnen, eine nachvollziehbare innere Entwicklung gibt es bei ihr aber nicht. Ihr Lieblingssatz zu neuen Produkten: „Ist ja irre!“

Trotz dieser Schwächen lohnt die Lektüre. Denn Eggers beweist ein Gespür für wichtige Themen unserer Zeit. Er beschreibt, wie Überwachung heute daherkommen kann: Nicht in Form eines bösen Big Brothers, sondern äußerlich freundlich, mit sozialem Druck. „Teilen ist heilen“, lautet ein Motto.

Zudem regt Eggers Diskussionen an, die heute teils schon geführt werden oder eines Tages anstehen könnten. Würden Sie Ihrem Kind einen Chip implantieren, um es vor Entführern zu schützen? Wäre es nicht sinnvoll, überall Videokameras aufzustellen, um Kriminelle abzuschrecken – jetzt wo die Geräte immer billiger werden? Man hat gleich den Bund Deutscher Kriminalbeamter in den Ohren.

Eggers bringt zudem die Angst vor mächtigen Konzernen auf den Punkt, die ihre Nutzer ausschnüffeln. „Der Circle“ ist kein Schlüsselroman über Google oder Facebook, der Circle-Konzern verbindet verschiedene Eigenschaften der Silicon-Valley-Giganten. Der Autor lässt dabei aber außen vor, dass die größte Gefahr der Überwachung heutzutage nicht unbedingt von allwissenden Konzernen ausgeht – sondern von Staaten und deren Geheimdiensten, die die Daten der Privatwirtschaft für Überwachungsprogramme missbrauchen. Das wäre der Stoff für ein modernes „1984“ gewesen, das bislang das Synonym für die totale Überwachung ist.

Bibliografie

Dave Eggers

Der Circle

Verlag Kiepenheuer & Witsch

ISBN: 978-3-462-04675-5
560 Seiten, gebunden

Kommentare zu " Rezension „Der Circle“: Würden Sie Ihrem Kind einen Chip implantieren?"

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  • Sounds like Sci-Fi but ...
    aber der neue Perso mit seinem RFID-Chip könnte
    tatsächlich implantiert werden.

    Solange wir nicht da enden wo die Leute im Film
    "In-Time" gelandet sind ist das schonmal gut.

    Aber gerade das Bankkonto sollte vllt. nicht im
    All-in-one Chip enthalten sein.

    Wenn man den Perso wenigstens auch für Dinge wie
    Führerschein und Gesundheitskarte nutzen würde
    hätte man ja noch Verständnis aber nein wir
    modernisieren einfach alle vorhandenen Karten.
    Der Mehrwert für die Bürger lässt zu wünschen
    übrig.

    Gerade die Online-Id des neuen Persos funktioniert
    fast nirgendwo und wenn dann ist es Zufall
    das der Server des Bundes auch erreichbar ist.

    Diese Bundes-App ist wirklich nicht state-of-the-art.

  • "Privatsphäre ist Diebstahl, ... "

    Genauso werden amerikanische Internet-Konzerne argumentieren, wenn TTIP real wird.

    Denn Datenschutz schmälert den Gewinn der Konzerne.

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