Rezension Lifelogging
Die Vermessung des Lebens

Die Welt erzählen oder nur zählen? Der Soziologe Stefan Selke hat ein zum Nachdenken anregendes Buch über das Sammeln der eigenen Daten geschrieben. Sein Fazit: Es bleibt Verunsicherung.
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MünchenDie einen tragen beim Joggen am Handgelenk schicke neue Gadgets wie die "Runner Cardio" oder "Galaxy Gear Fit", andere verlassen sich auf eine App ihres Smartphones. Denn das Laufen um der reinen Bewegung willen ist out, vielmehr müssen Leistung, Kalorienverbrauch und Herzfrequenz registriert werden.

Cloud-Computing und die Weiterentwicklung von Miniprogrammen und Apps haben eine Form des Datensammelns und - speicherns ermöglicht, die immer mehr Anhänger findet und die der Soziologe Stefan Selke unter dem Begriff "Lifelogging" zusammenfasst. "To log" bedeutet protokollieren, und erfasst wird oftmals gleich das ganze Leben: E-Mails und Telefonate, Ernährung, Arbeitsdisziplin, Schlafverhalten, Aufenthaltsort der eigenen Kinder.

Hardliner wie der Informatiker Gordon Bell filmen gar jeden ihrer Schritte mit einer Kamera, um eine lückenlose Enzyklopädie ihres Lebens zu erstellen. Ist das Hybris? Oder schlichtweg Naivität? Selke verneint diese Nachfrage: "Die Personen, die ich kennen lernen konnte, waren überaus reflektiert", dennoch: "Viele erliegen einfach dem Fetisch Technik."

Und warum sollte sich der Einzelne nicht selbst vermessen, wenn es ihm Spaß macht - wir leben schließlich in einer freien Gesellschaft. Doch diese Haltung ist zu kurzsichtig. Zum einen beeinflusst jede technische Neuerung die Kultur insgesamt; man denke nur an die Armbanduhr, die so harmlos daherkam und eine umfassende soziale Disziplinierung mit sich brachte. Zum anderen hat das Sammeln von Daten in einer vernetzten Welt zwangsläufig Folgen auch für jene, die das nicht tun.

Viele Lifelogger sind von dem Glauben an ein besseres Leben getrieben. Ein diffuser Wunsch nach Selbstverbesserung plus schöne neue Welt. Selke, der an der Hochschule Furtwangen eine Professur für Gesellschaftlichen Wandel innehat, bricht diesen Idealismus herunter. Die Hauptmotive des Lifeloggings sind Kontrollwille, Verbesserung, Kosteneinsparung und Sicherheitserwägungen.

Es ist, wie er in seinem hellsichtigen Buch darlegt, eine "verängstigte Gesellschaft", die sich da mittels der Technik schützen will. Überfordert von den Möglichkeiten und Optimierungszwängen der Moderne, begreift das Individuum jegliche Entscheidung als problematisch. Die eigene Wahrnehmung kann sich täuschen, aber Daten, so der Grundgedanke des Buches, sind objektiv, und je mehr davon vorliegen, desto leichter lassen sich Ereignisse voraussehen, kann man Vorsorge treffen und lassen sich Fehler eliminieren.

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