Aussteiger
Wenn ein üppiges Gehalt nicht mehr reicht

Eine Architektin, die hauptberuflich Hundekekse backt, und Unternehmensberaterinnen, die sich lieber Gartengestaltung und Inneneinrichtung widmen. Warum Menschen ihren Job hinschmeißen und sich selbstständig machen.
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DüsseldorfJohanna Spielberg wacht auf und weiß nicht, in welcher Stadt sie ist. Es dauert einige Schrecksekunden, bis ihr es wieder einfällt. Sie ist in einer Stadt in Süddeutschland. In einem jener Hotelzimmer, die überall auf der Welt gleich aussehen.

Spielberg ist Unternehmensberaterin, reist viel, auch an Feiertagen. Sie erledigt als Interims-Managerin Feuerwehrprojekte: kurzfristige, schnelle Problemlösung – überall in Europa. „Es hat mich nicht gestört, dass ich viel reisen oder aus dem Koffer leben musste“, sagt Spielberg. „Es war das Orientierungslose, das mir zeigte, dass ich auf dem Holzweg war.“ In ihren Projekten fühlt sie sich häufig als Buhmann. Gebucht, um die harten Entscheidungen der Konzerne durchzusetzen. Mit der Unternehmensberatung, die sie eigentlich machen wollte, hatte das nicht mehr viel zu tun.

Spielbergs Leidenschaft für Inneneinrichtung führt sie 2013 auf die Brüsseler Antikmesse: Viele Händler sind in dieser Zeit verreist und stellen ihre Geschäfte externen Kollegen zur Verfügung. In ihr beginnt eine Idee zu reifen: Was wäre, wenn man dieses Konzept ins Internet bringen würde? Also einen Raum, in dem Designer und Produzenten auf schon vorhandene Strukturen zurückgreifen können.

2014 wagt die 36-Jährige den Schritt: Sie steigt aus der Unternehmensberatung aus und gründet mit ihren Lebenspartner Yooyama: Einen Online-Shop für Interieur-Design, der neben Produkten auch Inspiration in Form eines Blogs bietet.

Für Buchautor und Unternehmensberater Thorsten Reiter ist der Schritt in die Selbstständigkeit einer der großen Trends unserer Zeit: „Heute steht oft der Lifestyle im Mittelpunkt – Selbstverwirklichung, Freiheit, Kreativität und Selbstbestimmung.“ Dafür macht Reiter zum einen das deutsche Standardangebot der deutschen Arbeitswelt verantwortlich, das an den Vorstellungen gerade junger Arbeitnehmer vorbei gehe.

Aber auch bei Vollberufstätigen herrsche oft Unzufriedenheit über den Berufsalltag. Denn die erwarteten aufgrund des Geleisteten mehr, als ihnen  geboten würde: „An diesen beiden kritischen Punkten – also zu Beginn des Arbeitslebens und auf dem selbst wahrgenommenen `Höhepunkt` – müssen die Arbeitnehmer feststellen, dass sie lediglich Sold für Lebenszeit bekommen, nicht mehr“, sagt Reiter. Gehalt reiche dann eben nicht mehr aus, um die Leere zu füllen.

Auch für Spielberg war dieser Punkt erreicht. Statt von Hotel zu Hotel zu reisen, sucht sie heute für ihre Kunden nach passenden Produkten und Designern, bietet Marketing, professionelle Bezahlmethoden, eine Grossistenstruktur und die Platzierung der Produkte in Blogbeiträgen – alles auf eigene Rechnung. Mittlerweile betreibt sie in der Düsseldorfer Carlstadt einen Showroom, in dem Ausstellungsfläche gebucht werden kann.

Doch der Weg zur Gründung war nicht leicht. Als sie ihren Businessplan den Banken vorlegte, stieß sie auf Skepsis: „Die Bankberater waren alle „versamwert“ und fragten nach Vergleichbarem“, sagt sie. Damit spielten sie auf die Methode der Samwer-Brüder an, die mit ihren Inkubator Rocket Internet in Geschäftsideen investieren, die bereits erfolgreiche Modelle kopieren. „Wir haben aber nicht kopiert, sondern etwas Eigenes entwickelt“, sagt Spielberg.

Ein Problem, das auch Karriereexpertin und Buchautorin Svenja Hofert kennt. Ihr Motto: „Vergiss die Banken!“ Die bankentypische Frage nach Vergleichsmodellen bei Gründern funktioniere nicht in einer sich immer weiter spezialisierenden Arbeitswelt. Zudem stünden Aufwand und die nötigen Versicherungen meist in keinem Verhältnis zu dem gewünschten Kreditrahmen. Bei Spielberg klappte es dann dank eines Bankers, der sie schon als Privatkundin kannte.

Aber auch dann, wenn man einen Kredit in der Tasche hat, ist die Gründung ein Vorhaben, dass man sich leisten können muss. So finanzieren Spielberg und ihr Lebenspartner den laufenden Geschäftsbetrieb aus dem Gründerkredit, die Gewinnschwelle ist noch nicht erreicht. Für den Lebensunterhalt muss das Ersparte dran glauben.

Für das nötige Startkapital empfiehlt Expertin Hofert das eigene Umfeld oder Methoden wie Crowdinvesting. Einen Weg, den auch Christina Hochhausen gegangen ist. Die Wahlhamburgerin gründete 2011 den Webshop Greenbop. Eine Plattform, die sich auf Produkte und Services rund um das Thema Garten und Pflanzen spezialisiert hat und Balkongestaltung für Privatkunden und Bürobegrünungskonzepte bietet.

Sie entschied sich gegen Fremdkapital, auch gegen Angebote von Finanzinvestoren: „Das sind Firmen, die meist unter Hochdruck Wachstum fordern – für den Aufbau eines gesunden Unternehmens ist das aber oft nicht förderlich“, sagt Hochhausen. Sie finanzierte Greenbop selbst: „Ich musste also von Anfang an so handeln, dass am Ende des Monats immer etwas Geld übrig blieb und das Wachstum allein aus den Gewinnen finanziert wird.“

Kommentare zu " Aussteiger: Wenn ein üppiges Gehalt nicht mehr reicht"

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  • @Tannenweber:

    > Ich kenne viele Akademiker (auch aus den angeblich so
    > händeringend gesuchten MINT-Berufen), die berufsfremde
    > Tätigkeiten nicht aus Gründen der Selbstverwirklichung
    > ausüben, sondern weil sie in ihren gelernten Metiers keine
    > bzw. keine auskömmliche Arbeit finden.

    Und? Was sagt das aus?

    Eine Ausbildung vermittelt ganz wesentlich die Fähigkeit, sich neue Fähigkeiten anzueignen. Gerade wenn man sich selbständig macht, spielen viele andere Randbedingungen wie Vorlieben, Schwächen, Erfahrungen eine mindestens genau so große Rolle.

    Entscheidend sind unternehmerisches Denken und Leistungsbereitschaft. Es liegt massenweise Geld auf der Straße, das man aufheben kann.

  • Eines kommt im Artikel nicht so recht durch: Unternehmertum ist eine Lebensform, nicht eine alternative Angestelltentätigkeit. Entweder man ist aus dem Holz, aus dem sich Unternehmer selber schnitzen oder man ist es nicht.

    Ich kenne viele "verhinderte Angestellte". Das ist wohl die Mehrheit derer, die ihrer Konkurrenz erst die Preise kaputt machen und später in der sozialen Hängematte durchgefüttert werden wollen. Unternehmerisches Denken ist in dieser Gruppe kaum vorhanden. Typische Klage: "Der Preis gibt keine höheren Preise her!"

    Diesen Wildwuchs muss die Politik beseitigen - als Parallele und ergänzende Maßnahme zum Mindestlohn: Jeder Selbständige muss dazu gezwungen werden, für Krankenkasse und Altersvorsorge jeden Monat wenigstens 1000 EUR zurückzulegen. Wer das nicht schafft, muss vom Finanzamt die Selbständigkeit verboten bekommen. Er kann ja weiter seine Liebhaberei pflegen, darf sie aber nicht mehr als Ausrede für einen Broterwerb missbrauchen.

    Auch die ganze leidige Scheinselbständigen-Debatte kann man so ersatzlos streichen: Wer mehr als z.B. 40.000 EUR Überschuss im Jahr erzielt und obige Kriterien erfüllt, braucht sich dann keine Gedanken mehr zu machen.

  • Gute Frage! In weiten Bevölkerungskreisen gilt "selbstständig" und "freiberuflich" als Synonym für "besserverdienend", weil in die TV-Quasselrunden natürlich nur die erfolgreichen Exponenten eingeladen werden. Dass auf jeden Steve Jobs 100.000 Kleinunternehmer kommen, die ihr gesamtes Arbeitsleben am Rande der Pleite balancieren und teilweise auch runterfallen, ist Leuten, die ihr Leben lang nur "abhängig beschäftigt" waren, zumeist gar nicht bewusst.

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