Homeoffice und Beruf
Wenn der Chef vom Sofa aus arbeitet

Im eigenen Wohnzimmer, im Café, im Park – arbeiten, wo man will, heißt es jetzt bei Industrieunternehmen von BMW bis Merck. Doch Manager müssen erkennen: Der vielbeschworene Kulturwandel beginnt bei ihnen selbst.
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Den Schalter in seinem Kopf umzulegen, das war für den Ingenieur und erfahrenen Bosch-Manager Werner Philipp eine der größten Herausforderungen seines Berufslebens. Denn der 54-Jährige war sich sicher, ganz genau zu wissen, wie Arbeit am besten zu erledigen ist - schließlich ist er seit 1992 Führungskraft beim Stuttgarter Technikkonzern. Jahraus, jahrein saß er täglich von 8 bis 19 Uhr im Büro und erledigte dort seine Aufgaben, wenn er nicht auf Dienstreise war. Der Erfolg gab ihm recht: So hatte er es bis zum Produktbereichsleiter für Getriebesteuerung gebracht. Und nun sollte er plötzlich flexibel arbeiten?

Zum 125-jährigen Firmen-Jubiläum 2011 hatte die Bosch-Geschäftsleitung befunden, dass es höchste Zeit für einen Wandel sei: weg von einer Kultur, in der die Anwesenheit im Büro als Leistung gilt, und hin zu einem familienfreundlichen Arbeitsklima, in der die Ergebnisse zählen und es dem Einzelnen überlassen bleibt, wie, wann und wo er sie erzielt. Allerdings war auch dem damaligen Vorstandschef Franz Fehrenbach klar: Die Führungsmannschaft von den Vorteilen zu überzeugen, ist der Schlüssel zum Erfolg - zugleich aber auch die größte Herausforderung.

125 Führungskräfte sollten den Selbsttest wagen und ihre Arbeitsbedingungen flexibel gestalten. Werner Philipp war einer der Pioniere - einer der hochrangigsten dazu. Und er war mehr als skeptisch, als er damit begann, vier Monate immer mittwochs im Heimbüro zu arbeiten. Er erwartete, sich damit gerade mal die Pendelei zur Arbeit zu ersparen. Was der Manager jedoch in den 125 Tagen seines Experiments erlebte, öffnete ihm die Augen dafür, um wie viel mehr es geht, wenn von Flexibilisierung der Arbeit die Rede ist.

Sein allergrößter Vorbehalt erledigte sich gleich am ersten Tag im Heimbüro, an dem er wie gewohnt um 8 Uhr begann. Philipp war nämlich überzeugt: „Zu Hause schaff ich doch nichts“. Doch dann habe er das Notebook erst um 23 Uhr zugeklappt, erinnert er sich. Später normalisierte sich seine Arbeitszeit zwar, doch selbst als er begann, sich mittwochs ein Mittagessen mit seiner Frau und eine Stunde Jogging am Tag zu gönnen, blieb seine Leistung konstant. Denn dafür „schaltete er abends wieder in den Bosch-Modus“, wie es seine Frau nannte, wenn er sich für zwei Stunden in sein Arbeitszimmer zurückzog.

Doch auch die Frage „Was halten meine Vorgesetzten davon?“, trieb Philipp um. „Es hat mich Überwindung gekostet, meinem Chef zu sagen: Ich kann beim Meeting am Mittwochnachmittag nicht anwesend sein, ich schalte mich telefonisch dazu“, gibt der Manager zu. Und als seine Führungskollegen mit flapsigen Sprüchen kamen, wie „ach ja, mittwochs haben Sie ja keine Zeit für mich“, regte sich sein schlechtes Gewissen.

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  • Ich gratuliere zu dem Wort 'Vorständin' - der politisch korrekte Gender-Wahnsinn ist auch beim Handelsblatt/der Handelsblättin angekommen.

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