Keine Lust zur Unternehmensgründung: Junge Deutsche wollen nicht Chef werden

Keine Lust zur Unternehmensgründung
Junge Deutsche wollen nicht Chef werden

Im internationalen Vergleich sind vor allem junge deutsche Frauen relativ unambitioniert. Dazu kommt ein wachsender moralischer Anspruch an die Wirtschaft, wie eine Umfrage des Beratungsunternehmens Deloitte zeigt.
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Der deutschen Jugend kommt offenbar der Ehrgeiz abhanden. Vor allem junge Frauen in Deutschland streben selten eine Führungsposition an. Das ist ein zentrales Ergebnis des „Deloitte Millenial Survey 2015“.

Die Umfrage im Auftrag des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens Deloitte fasst die Erfahrungen und Erwartungen von 7806 nach 1982 geborenen jungen Erwachsenen in 29 Ländern aller Kontinente zusammen. Drei Viertel von ihnen arbeiten in größeren Organisationen mit mehr als 100 Beschäftigten.

In Deutschland wünscht sich nicht einmal jede dritte junge Frau (29 Prozent) eine leitende berufliche Position. Unter den jungen deutschen Männern sind es 46 Prozent. Im internationalen Vergleich gehören die Deutschen damit zu den am wenigsten Ehrgeizigen. In den untersuchten asiatischen Ländern Singapur, Südkorea, Malaysia, Thailand und China streben dagegen im Schnitt 70 Prozent der Befragten eine Führungsposition in ihrer Organisation an.

Der schwache Ehrgeiz der jungen Deutschen ist mit einem hohen moralischen Anspruch verbunden, der allerdings in anderen Ländern noch ausgeprägter ist. Von Unternehmen wird gesellschaftliches Engagement verlangt. Eine Mehrheit der jungen Deutschen von 62 Prozent kritisiert, dass wichtige Unternehmen in erster Linie profitgetrieben wirtschaften. Im internationalen Durchschnitt kritisieren dies sogar 75 Prozent.

43 Prozent der jungen Deutschen glauben, dass Unternehmen die gesellschaftliche Wirklichkeit stärker bestimmen als die Regierung. Das Verhalten von Firmen bewerten 39 Prozent der Deutschen als ethisches Statement. Von deren führenden Mitarbeitern erwarten sie dementsprechend, dass sie mithelfen, die Gesellschaft zu verbessern.

„Die Millenials glauben in ihrer übergroßen Mehrheit, dass die Wirtschaft einen Neuanfang braucht, sowohl was die Aufmerksamkeit für Menschen und Ziele angeht, als auch ihre Produkte und Gewinne betreffend“, heißt es gleich im ersten Satz der Studie.

Die Botschaft sei eindeutig, sagt Deloitte-CEO Barry Salzberg: Wenn sie auf ihre Karriere-Ziele schauen, interessieren sich die Millenials heute ebenso sehr dafür, wie ein Unternehmen seine Menschen entwickelt und zur Gesellschaft beiträgt, als auch für die Produkte und den Gewinn“.

Ferdinand Knauß
Ferdinand Knauß
WirtschaftsWoche Online / Redakteur

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  • Das Problem - früher war es normal, dass nur mit solider Kapitalbasis ein Unternehmen gegründet wurde. Die Masse der Bevölkerung hat für vergleichsweise wenig Unternehmer gearbeitet. Unternehmer waren reich und mächtig, die Masse der Bevölkerung arm aber sozial abgesichert. Mit jeder Entlassungswelle und dem Gründerhype, der um die Jahrtausendwende tobte, hat sich das geändert - immer mehr Leute haben die Selbständigkeit als Alternative zur Arbeitslosigkeit entdeckt, und losgelegt. Diese Gründer haben a) nicht die Kapitaldecke zur Realisierung einer Geschäftsidee und b) fehlt Ihnen die Erfahrung in einer völlig neuen Lebenssituation. Trotzdem wird von diesen Gründern verlangt, dass sie sofort vom ersten Tag an nach den selben Regeln spielen wie die Großen, sie begeben sich buchstäblich in ein Niemandsland. Das soziale Netz existiert nicht mehr, es gibt keinen Mutterschutz, keine Krankenversicherung, die im Zweifel irgendwer bezahlt - nur Verpflichtungen, die von Jahr zu Jahr immer mehr werden, und deren Erfüllung für die modernen Selbständigen immer unmöglicher wird. Auch wenn man am Ende Erfolg hat, dauert diese Niemandsland-Phase meist viele Jahre, und in dieser Zeit lebt man in Umständen, die sich keiner vorstellen kann, der ans soziale Ruhekissen gewöhnt ist. Und auch wenn uns in den Medien immer die erfolgreichen Startups als Motivation gezeigt werden - die Zahl derer, die im Niemandsland hängenbleiben, oder sogar in die Privatinsolvenz abstürzen, ist um ein Mehrfaches höher als die Zahl der Erfolgreichen. Die Belastung mit Abgaben und Verpflichtungen, die in Europa den Unternehmen der Realwirtschaft aufbürden, sind schon für große Firmen schwer zu stemmen, den kleinen brechen sie zunehmend das Genick. Ich kann es immer besser verstehen, dass auch hoch qualifizierte Menschen es vorziehen, sich ins warme Nest zu setzen, statt sich ein Leben als Kleinunternehmer anzutun.

  • meine Frau und ich sind vor 15 bzw. 13 Jahren aus dem Angestelltendasein in die Selbständigkeit gewechselt. Aus heutiger Sicht würde ich es meinen Kindern nicht raten, es uns gleichzutun.

  • Über zweidrittel aller Probleme resultieren aus "verkrusteten" Führungskulturen. Die heranwachsende Generation braucht glaubhafte Vorbilder/Entrepreneurs, die die eth. Werte auch einhalten. Sie sucht aber bei Führungskräften fast vergeblich nach Vorbildern (Prof. J.Rump "Das Problem liegt daran, dass es in den Firmen an Vorbildern, Respekt und Wertschätzung leider mangelt". Der Osnabrücker Prof. C. Steinert setzt noch eins drauf und stellt in seiner Studie fest: "Gute Führung wird in Zielvereinbahrungen zu wenig belohnt - schlimmer noch - "schlechte Führung wird sogar toleriert, wenn die operativen Ergebnisse stimmen". So steht die "klassische Führung" vor Ihrem Ende. An ihre Stelle tritt das geteilte Leadership im 360-Grad-Netzwerk. Unternehmen werden dann zukünftig von agilen Teams geführt - bis hin zur Person des Geschäftsführers.
    (...)
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