Beruf + Büro

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Erfahrungsbericht: Ein Leben ohne Zettel

244 Kilogramm Papier verbraucht ein Deutscher im Jahr. Damit sind wir Weltspitze. Trotz Computer, Laptops und Smartphones ist das viel beschworene papierlose Büro kaum irgendwo Realität geworden. Warum eigentlich?

Müssen wir alles ausdrucken, weil wir auf Papier anders lesen? - Oder haben wir das zettelfreie Arbeiten im Alltag nur nicht richtig versucht? Quelle: Frank Beer
Müssen wir alles ausdrucken, weil wir auf Papier anders lesen? - Oder haben wir das zettelfreie Arbeiten im Alltag nur nicht richtig versucht? Quelle: Frank Beer

DüsseldorfUnsere Sekretärin sagt, mein Büro habe in den vergangenen drei Monaten seine Seele verloren. Neben dem Monitor liegen nur noch ein iPad und ein Laptop, daneben steht eine Karaffe mit Wasser und eine Schale Obst. Sonst ist mein Schreibtisch leer.

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Die Seele meines Büros, das waren: Stapel aus Büchern und Magazinen; Berge aus Zetteln, Kostenstellenberichten, Textausrissen; Mappen voll loser zerknautschter und zerknitterter Rechnungen und Notizen. Und zwischen den Stapelschluchten leuchteten gelbe Zettel auf der Schreibtischplatte wie Taxis im Schatten der Wolkenkratzer auf den Straßen Manhattans.

Ich fand mich gut in dieser Stapel-Welt zurecht, sie hatte ihre Ordnung. Nur wenn ich unterwegs war und Aufzeichnungen aus einem meiner Notizbücher suchte, wenn ich einen Artikel mit einer bestimmten Zahl brauchte, dann kam ich da nicht dran und habe das Papier verflucht.

Doch ein Leben ohne Zettel, das schien mir ein unmögliches Leben. Schließlich bin ich Journalist und arbeite für ein Magazin. Papier ist mein Kerngeschäft. Das zettelfreie Büro, da war ich mir sicher, das ist eine dieser Ideen von Technik-Utopisten – so wie die Brille, die uns Gedanken anderer Menschen lesen lässt.

Ich war ein typischer Deutscher. Nur in wenigen Ländern verbrauchen die Menschen mehr Papier als bei uns, in Österreich, Belgien und Luxemburg. Mit rechnerisch 244 Kilogramm pro Kopf und Jahr liegen wir laut dem Verband Deutscher Papierfabriken sogar über dem Niveau der USA. 1985, vor dem Beginn der Internet-Ära, verbrauchten wir nur 177 Kilogramm. Während die Menge gedruckter Kataloge und Zeitungen mittlerweile sinkt, wächst der jährlich produzierte Berg an Kartonverpackungen und Hygienepapier.

Büropapier weist der Verband nicht gesondert aus. Doch es gibt Indizien dafür, dass die Digitalisierung zu immer mehr bedruckten und bekritzelten Seiten führt: Laut einer Studie der amerikanischen Association for Information and Image Management steigt bei einem Drittel aller Unternehmen der Papierverbrauch – teilweise drastisch. Andere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen.

Wir sind Papier-Junkies, und bis vor drei Monaten war ich einer von ihnen.

Doch nachdem ich mich wieder einmal darüber geärgert hatte, meine Notizen im Büro vergessen zu haben, beschloss ich, auf Entzug zu gehen. Ich dachte mir: Vielleicht haben wir die Sache mit dem papierlosen Büro einfach nicht richtig versucht.

Und so habe ich in den vergangenen Monaten Scanner, Tablet-Rechner und Internet-Dienste ausprobiert und an regnerischen Wochenenden mein halbes Leben digitalisiert. Dabei habe ich nicht nur viel über die Bedeutung des Papiers für unsere Wissensgesellschaft gelernt. Ich konnte auch überraschende Einsichten in die Arbeitswelt der Zukunft gewinnen.

  • 06.05.2013, 08:10 UhrDerBernd

    Tolle Reklame für Evernote und Co.

    Entscheidendes wird aber vergessen. Irgenwann haben kluge Leute festgelegt, dass beim Zugriff aufs Stromnetz alle Geräte auf 220 Volt und 50 Hz auszulegen sind. Andernfalls müsste man sich zum Kühlschrank von Siemens heute einen Stromanschluss von Siemens liefern lassen - mit Servicevertrag und Kundenkonto. Upps?!

    Die meisten Apps haben eigene Datenschnittstellen. Beim Zugriff auf Daten mangelt es an Standards, weil diese von den Firmen zur 'möchtegern' Monopolisierung ihrer Anwendungen nicht gewollt sind.

    Solange es solche nicht gibt bleibt das Arbeiten mit elekronischen Notizen mühselig und unübersichtlich. Suchfunktionen gleichen viel aus - aber längst nicht alles. Wer versucht, Emails, Notizen und Adressen zwischen einem PC (Win/Outlook) und dem iPhone zu syncronisieren wird feststellen, das klappt nicht einwandfei - sobald die Sache etwas komplexer (mehrere Postfächer) wird. Eine wie im Artikel beschrieben Notiz-App habe ich wieder entsorgt, da nach einem Update - alles anders war.

  • 06.05.2013, 08:19 UhrDerBernd

    Tolle Reklame für Evernote und Co.

    Entscheidendes wird leider nicht angesprochen. Irgenwann haben kluge Leute festgelegt, dass beim Zugriff aufs Stromnetz alle Geräte auf 220 Volt und 50 Hz auszulegen sind. Andernfalls müsste man sich zum Kühlschrank von Siemens heute einen Stromanschluss von Siemens liefern lassen - mit Servicevertrag und Kundenkonto. Upps?!

    Man darf auf Standards nicht verzichten, nur weil man beim Zugriff auf Daten keine teure Strippe ziehen muß! Beim Zugriff auf Daten mangelt es an Standards, weil diese von den Firmen zur 'möchtegern' Monopolisierung ihrer Anwendungen nicht gewollt sind.

    Solange es solche nicht gibt, bleibt das Arbeiten mit elekronischen Notizen mühselig und unübersichtlich. Suchfunktionen gleichen Vieles aus - aber längst nicht alles. Wer versucht, Emails, Notizen und Adressen zwischen einem PC (Win/Outlook) und dem iPhone zu syncronisieren wird feststellen das klappt nicht einwandfei - sobald die Sache etwas komplexer (mehrere Postfächer) wird. Ein Jammerspiel.

  • 06.05.2013, 08:30 UhrRumpelstilzchenA

    # DerBernd
    Sehr richtig ist ihr Beitrag. Auch ich habe versucht meine Ablage auf den PC zu verlegen. Doch mit der Weiterentwicklung war es am Ende nicht mehr möglich, ältere Dokumente mehr zu öffnen. Das Problem ist systembedingt zu sehen.

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