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Gender Pay Gap: Warum Frauen weniger verdienen als Männer

Frauen verdienen im Schnitt 22 Prozent weniger als Männer in vergleichbaren Positionen. Dafür gibt es ganz handfeste Gründe, sagt der Soziologe Fabian Ochsenfeld. Frauen wählen scheinbar die falschen Berufe.

In den Führungsetagen großer Konzerne sind Frauen immer noch Ausnahmen. Quelle: dpa
In den Führungsetagen großer Konzerne sind Frauen immer noch Ausnahmen. Quelle: dpa

DüsseldorfÜberraschen kann diese Nachricht nicht mehr: Frauen verdienen durchschnittlich 22 Prozent weniger als Männer in vergleichbaren Positionen, meldet das Statistische Bundesamt heute in seiner alle vier Jahre veröffentlichten Verdienststrukturerhebung. Der so genannte „Gender Pay Gap“ hat sich damit im Vergleich zu 2006 nur um einen Prozentpunkt verkleinert. Warum das so ist, können Statistiker und Sozialwissenschaftler nur zum Teil erklären.

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Doch zunächst zu den Fakten: Der durchschnittliche Bruttostundenverdienst von weiblichen Führungskräften war im Jahr 2010 in Deutschland mit 27,64 Euro um 30 Prozent niedriger als der von männlichen Führungskräften (39,50 Euro). Ähnliche Verdienstunterschiede gibt es bei Technikern (30 Prozent), akademischen Berufen (28 Prozent) und Handwerkern (25 Prozent). Den geringsten Geschlechterunterschied (4 Prozent) gibt es bei Bürokräften.

Zehn Dinge, mit denen Frauen ihre Karriere riskieren

  • Lieber Spaß als Macht

    Fragt man eine Frau: Was ist Ihnen an ihrem Job wichtig? Lautet die Antwort nicht, mein Firmenwagen, das üppige Gehalt oder der leistungsabhängige Bonus. Nein! Frauen wollen hauptsächlich Spaß an der Arbeit. Eine Umfrage des Beratungsunternehmens Universum Communications unter angehenden Wirtschaftswissenschaftlern belegt dies. Während 60 Prozent der Frauen sich ein freundliches Arbeitsumfeld wünschen und über 50 Prozent Wert auf vielfältige Arbeitsaufgaben legen, sind nur 14 Prozent auf Prestige und eine rasche Beförderung aus.

  • Keine Ellenbogenmentalität

    Gerade in größeren Abteilungen müssen sich Mitarbeiter häufig gegen ihre Kollegen durchsetzen, um sich Gehör und Respekt beim Chef zu verschaffen. Doch gerade dieser interne Konkurrenzkampf gefällt vor allem Frauen nicht. Eine Umfrage von TNS Emnid und der Axa-Versicherung zeigt, dass über ein Drittel aller Frauen Angst vor dem Konkurrenzkampf mit Kollegen haben. Nur 15 Prozent ihrer männlichen Mitstreiter sorgen sich darum.

  • Übersteigerter Teamgeist

    Teamfähigkeit gilt als einer der wichtigsten Soft-Skills und gerade Frauen bevorzugen diese Form des Arbeitens. Ein Experiment an der Universität Lyon hat gezeigt, dass Männer vor allem dann Teamarbeit nutzen, wenn sie in dem geprüften Bereich nicht so leistungsfähig sind. Frauen arbeiten generell lieber im Team, unabhängig davon wie stark sie selbst auf dem jeweiligen Gebiet sind. Eine durchaus positive Fähigkeit, solange die eigene Leistung nicht vom Können des Teams überschattet wird.

  • Falsche Studienwahl

    Die karriererelevanten Studienfächer sind nach wie vor Wirtschaftswissenschaften, Jura und Ingenieurswissenschaften. Während bei den Wirtschaftswissenschaften im Wintersemester 2010 immerhin 45 Prozent der deutschen Studierenden weiblich waren und bei Jura sogar über die Hälfte, sieht es im Bereich der Ingenieurswissenschaften weiterhin düster aus. Die Maschinenbaustudiengänge verzeichneten gerade einmal einen Frauenanteil von neun Prozent. Bei Elektrotechnik waren es sogar nur sechs Prozent.

  • Zu wenig Selbstbewusstsein

    Frauen verkaufen sich häufig unter Wert und trauen sich selbst viel zu wenig zu. Eine Studie des Beratungsunternehmens Accenture zeigt, dass Frauen sich selbst beschuldigen, wenn es um die Gründe für ihre schlechten Aufstiegschancen geht. 28 Prozent der befragten Damen sagen, ihnen fehlten die nötigen Fertigkeiten für den nächsten Schritt auf der Karriereleiter.  

  • Chefinnen unerwünscht

    Nicht nur Männer wollen keine Frauen als Chef, sogar die weiblichen Arbeitnehmer sind von Frauen in Führungspositionen wenig überzeugt. Nur drei Prozent wollen eine Chefin. Neunmal so viele finden es besser einen Mann als Chef zu haben. Das ergab eine repräsentative Umfrage der Meinungsforscher von Forsa.    

  • Rivalität unter Frauen

    Damit in Zusammenhang könnte das Phänomen der Stutenbissigkeit stehen. Eine Studie der Universität Amsterdam belegt, dass Frauen zwar gut kooperieren können, aber nur so lange sie mit männlichen Kollegen zu tun haben. Sobald sie mit Frauen zusammenarbeiten sollen, ist es um den Teamgeist schlechter bestellt. Ein internationales Forscher Team setzte kürzlich sogar noch einen obendrauf. Sie fanden heraus, dass die Damen besonders schlecht miteinander können, wenn die jeweils andere bei den männlichen Kollegen gut ankommt. 

  • Über Geld spricht man nicht

    Selbst Frauen in Führungspositionen verdienen immer noch deutlich weniger als ihre männlichen Kollegen. Eine Umfrage der Hans-Böckler-Stiftung unter 12.000 Akademikern zeigt die Unterschiede. Ein männlicher Abteilungsleiter verdient etwa 5000 Euro monatlich, sein weibliches Pendant gerademal 3800 Euro. Das hat unter anderem damit zu tun, dass Frauen bei Gehaltsverhandlungen mit weniger zufrieden sind und andere Faktoren wichtiger finden.

  • Familie oder Beruf? Familie!

    Zugegeben, es ist nicht einfach Familie und Karriere miteinander in Einklang zu bringen. 72 Prozent der Mütter von minderjährigen Kindern halten dieses Unterfangen für schwierig. Und die Mütter sind es letztendlich auch, die in Sachen Karriere den Kürzeren ziehen. Dafür verantwortlich sind die traditionellen Vorstellungen von Familie, die sowohl Männer als auch Frauen immer noch mit sich herumtragen. Während 2010 nur etwa 5 Prozent der Väter mit minderjährigen Kindern in Teilzeit arbeiteten, waren es über 68 Prozent der Mütter.  

  • Der fehlende Wille

    Zu all diesen Karrierehemmnissen kommt ein zentraler Punkt hinzu. Viele Frauen wollen überhaupt nicht aufsteigen. Das Beratungsunternehmen Accenture fand heraus, dass nur jede fünfte Frau ihre Karriere überhaupt vorantreiben will. Ganze 70 Prozent sind mit ihrer aktuellen Position im Unternehmen zufrieden.

Der Gender Pay Gap lag bei niedrigen Abschlüssen (Haupt- oder Realschulabschluss) bei 11 Prozent. Bei mittlerer Bildung (Abitur) betrug der Verdienstabstand 19 Prozent. Bei höheren Abschlüssen (zum Beispiel Hochschulstudium) lag der Verdienst von Frauen hingegen um 27 Prozent unter dem von Männern.

Der Verdienstunterschied steigt also mit der Qualifikation - und dem Alter. Bei unter 24-jährigen Männern und Frauen betrug er nur 2 Prozent, bei den 25- bis 34-Jährigen waren es 11 Prozent, bei den 35- bis 44-Jährigen 24 Prozent und bei den 55- bis 64-Jährigen 28 Prozent.

Wo Frauen ähnlich wie Männer verdienen und wo nicht

  • Insgesamt

    Frauen verdienen noch immer weniger als Männer - das ist keine Überraschung. Je nach Branche unterscheiden sich die Diskrepanzen aber enorm. Während in manchen Berufssparten die Gehaltsspanne 30 Prozent beträgt, sind es in einer Branche nur noch vier Prozent unterschied. Insgesamt verdienten Frauen 2010 durchschnittlich 22 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen.

    Quelle: Statistisches Bundesamt

  • Techniker und nichttechnische Berufe

    Die größten Unterschiede zwischen Frauen und Männern bestehen immer noch bei Techniker-Berufen und gleichrangigen Jobs. Wer hier als Frau seine Berufung gefunden hat, muss mit einem 30 Prozent geringeren Einkommen rechnen als der männliche Kollege mit der gleichen Ausbildung.

  • Führungskräfte

    Genauso benachteiligt sind Frauen in Führungspositionen. Auch hier liegt die Gehaltsdiskrepanz bei 30 Prozent und damit deutlich über dem Durchschnitt.

  • Akademische Berufe

    Wer als Frau einen akademischen Beruf ergreift, steht etwas besser da - aber nicht viel. Akademikerinnen müssen aktuell noch damit leben, dass der männliche Kollege am benachbarten Schreibtisch 28 Prozent mehr verdient.

  • Handwerks- und verwandte Berufe

    Bei Schreiner, Bäcker, Friseur und Co. sieht es etwas besser aus, auch wenn die Gehaltsspanne ebenfalls noch groß ist: Frauen in Handwerksberufen bekommen durchschnittlich 25 Prozent weniger als der Kollege - immer noch ein stärkerer Gehaltsunterschied als im gesamtdeutschen Durchschnitt.

  • Bediener von Anlagen und Maschinen und Montageberufe

    Knapp unter dem Durchschnitt liegt der Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen, die etwa Maschinen bedienen oder als Monteure arbeiten: 19 Prozent verdient ein männlicher Mitarbeiter hier mehr als ein Weiblicher.

  • Fachkräfte in Land- und Forstwirtschaft und Fischerei

    Einen Sprung nach unten gibt es bei der Gehaltsspanne in der Land- und Forstwirtschaft. Wer sich in diesem Bereich ausbilden lässt oder wen es aufs Meer zieht, der verdient als Frau verhältnismäßig besser - bzw. ähnlich viel wie der männliche Kollege: Der Unterschied liegt hier bei 13 Prozent - zwar deutlich weniger als etwa bei den Akademikern, aber immer noch deutlich.

  • Hilfsarbeitskräfte

    Gleiches gilt für Arbeitskräfte ohne branchenspezifische Berufsausbildung: Auch hier haben Frauen durchschnittlich 13 Prozent weniger in der Lohntüte als Männer.

  • Dienstleistungsberufe und Verkäufer

    Kaum geringer ist der Unterschied bei Servicekräften, Verkäufern und Co.: Frauen müssen sich mit einem durchschnittlich 12 Prozent geringeren Einkommen begnügen.

  • Bürokräfte und verwandte Berufe

    Das beste Gehaltsniveau für Frauen findet sich bei den Bürojobs und ähnlichen Berufen. Hier beträgt der Gehaltsunterschied zu den männlichen Kollegen nur noch 4 Prozent - 18 Prozent unter der durchschnittlichen Diskrepanz.

Als Ursache für Geschlechterunterschiede beim Verdienst wird allgemein eine anhaltende Diskriminierung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt angenommen. Es gibt aber auch ganz handfeste Gründe für den geringen Frauenanteil in Führungspositionen und für die Gehaltsunterschiede zwischen den Geschlechtern. Der geringere Frauenanteil in Führungspositionen ist nach einer Studie des Frankfurter Soziologen Fabian Ochsenfeld zum Teil durch die Geschlechtsunterschiede bei der Studienfachwahl zu erklären.

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Junge Frauen studieren tendenziell Fächer, die sie weniger für Karrieren in der freien Wirtschaft qualifizieren, nämlich Geistes-, Sozial- und Erziehungswissenschaften sowie Lehramtsstudiengänge. Vor allem die Natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fächer sind trotz aller geschlechterpolitischen Bemühungen nach wie vor eine Männerdomäne.

Noch entscheidender als die Fächerwahl ist nach Ochsenfeld aber etwas anderes: Die meisten Frauen reduzieren mit der Geburt von Kindern ihr berufliches Engagement zu Gunsten der Familie. Dazu kommt: Traditionell förderte die Familienpolitik in Deutschland das Fernbleiben von Müttern aus der Arbeitswelt.

  • 30.10.2012, 22:40 Uhrabc

    Zitat: Zu dem Nonsens der da lautet "möglicherweise leisten Frauen auch einfach weniger" fällt mir auch nicht mehr ein:

    Nun, dass dazu hatte ich ja schon etwas geschrieben. War das Argument mit dem Schachspielen.

    Aber statt Gefühlsäußerungen: Wie wäre es denn mit sachlichen Argumenten?

  • 30.10.2012, 22:38 Uhrabc

    Zitat: dafür verursache ich wenig Kosten in der Krankenversicherung - ihr schuldet mir also als Gegenleistung was!

    Nun, eigentlich heißt das das sie weniger einzahlen. Sie schulden also den Männern etwas.

  • 30.10.2012, 17:58 UhrLieberHolger

    wissen Sie Holger,wo auch in Skandinavien die Mehrkindfamilien sind?

    in Familien wo Frauen Teilzeit arbeiten. Noch dazu ist die hohe Erwerbstätigkeit in Skandinavien nur durch den öffentlichen Dienst zustande gekommen - die räumen damit den Arbeitsmarkt künstlich.

    DE hat stattdessen ja die Minijobs erfunden zwecks Räumung des Arbeitsmarkts und Jobsharing. Nur halt schlechter abgesichert.

    hier der Beweis:

    http://ftp.iza.org/dp1576.pdf

    würden alle Deutschen Arbeitnehmer Vollzeit arbeiten, hätten wir 14-18 Mio. Arbeitslose. Das Arbeitsvolumen sinkt nämlich seit den 1960er Jahren, die Produktivität und Automatisierung steigt.

    jedes Land hat andere Methoden um das zu verschleiern - in den Niederlanden arbeiten ja bald 70% Teilzeit - auch Männer.

    wo sollen die hier eigentlich alle Vollzeit arbeiten?

    der "demographische Wandel" wurde bisher übrigens vollkommen überkompensiert durch Anstieg des Erwerbspersonenpotentials durch Frauen --- allerdings eben oft in Minijobs. Womit auch sonst.

    Skandinavien erreicht solche hohen Quoten nur durch den öffentl. Dienst --- 30 bis 34% der Arbeitnehmer, v.a. Frauen - in Pflege, Erziehung, Schulen, Bildung....

    und Vollzeit ist in vielen Ländern wohl eher 35Std-Woche. Die längere Arbeitszeit erkauft man sich dann durch Arbeitslosigkeit.

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