
DüsseldorfIrgendwann hat der Mensch aufgehört, aus Feuerstein Pfeilspitzen zu schnitzen und damit angefangen, sich sein Schnitzel beim Fleischer um die Ecke zu kaufen. Fortschritt nennen das die Soziologen. Fortschritt ist nur möglich, wenn der Neander lernt, dass es Besseres gibt. Seit 40.000 Jahren tricksen Manager. Lernen die denn nichts hinzu?
Das ist eine interessante Frage. Schade, dass sie nie gestellt wird. Wenn demnächst zu lesen ist, dass wieder ein Manager zwei Milliarden verzockt, verjubelt oder versenkt hat, dann wird wieder die Moral diskutiert, respektive ihre Absenz im Management. Die interessantere Frage wird so gut wie nie thematisiert. Sind Manager lernfähig?
Es ist schade, dass diese Frage so selten gestellt wird. Schade, aber nützlich. Denn wer sich diese Frage ernsthaft stellt, wird sich schnell fragen müssen, wer denn hier etwas hinzu zu lernen hat. Der Controller eines mittelständischen Unternehmens im Süden Deutschlands stellte sich diese Frage tatsächlich mal aus Anlass der 4,5 Millionen, die ein zockender Geschäftsführer in Osteuropa in den Sand gesetzt hatte.
Er rechnete gegen diese Millionen jene „Peanuts“ hoch, die dem Unternehmen in den letzten 20 Jahren durch Bagatelldelikte wie geklaute Packen Kopierpapier, „Schwund“ im Lager, Schlamperei und andere Nickligkeiten verloren gegangen waren und kam auf einen Betrag um die 8 Millionen. Die Lokalzeitung weigerte sich, das zu drucken. Sie schrieb lieber über die Villa des Zockermanagers mit der Begründung, dass die 8 Millionen bloß hochgerechnet seien.
Die Top-Five-Clubreise nach Mallorca (kleine Clubreise) hat in der Zeit vom 12.09. - 15.09.2005 stattgefunden und wurde von Herrn Lange in seiner Funktion als Leiter der HMI-Vertriebsorganisation begleitet.
Insgesamt werden angabegemäß je Jahr eine „große“ und zwei „kleine“ Top-Five-Clubreisen in Eigenregie von der Vertriebsdirektion HMI (VDHMI) organisiert, durchgeführt und über eigene Kostenstellen abgewickelt.
Als sie den Club betreten hätten, seien er und andere überrascht gewesen, weil im Tresenbereich leicht bekleidete „Mädels“ gestanden hätten. Einige, zu denen er gehörte, seien dann ca. nach einer Stunde zurückgefahren, andere seien dort geblieben.
Aufgrund der vorliegenden Information ist es aus Sicht von REV (Revision) wahrscheinlich, dass mit den beiden von Herrn Lange eingereichten Bewirtungsbelegen über gesamt 2428 Euro Aufwendungen für einen Nachtclub/Bordellbesuch finanziert wurden.
Auf beiden Belegen ist im Kopf der Name „Mexxaton“ vermerkt, bei dem es sich anscheinend um die Lokalität handeln soll, von der sie ausgestellt wurden. Auf dem Beleg über € 1508 ist zusätzlich das Datum „15.09.05“ vermerkt, während der andere kein Datum trägt. Weitere Angaben z.B. zum Aussteller befinden sich nicht darauf.
Eine Lokalität mit dem Namen „Mexxaton“ auf Mallorca haben wir weder bei unseren Internetrecherchen gefunden noch war sie der vor Ort vertrauten Reiseagentur bzw. dem Hotel oder Reiseteilnehmern bekannt.
Das Datum auf dem Beleg über € 1508 wäre allenfalls plausibel, wenn die Rechnung in den frühen Morgenstunden ausgestellt wurde, da am 15.09.05 der Abreisetag war.
Wir haben am 10.06.2011 Herrn Lange telefonisch zu dem Vorgang befragt. Er erinnerte die Reise zwar, gab aber an, die Gruppe nicht in ein Bordell eingeladen zu haben. Zu den „Zweckformbelegen“ und dem Namen „Mexxaton“ könne er aber nichts sagen.
Im Zusammenhang mit der Prüfung zu dem HMI-Sonderwettbewerb - Budapest 2007 („Party Total“) sind die auf den Gewinner- bzw. Teilnehmerlisten aufgeführten Personen von der Konzernrevision zur Teilnahme und ggf. weiteren Details befragt worden. Dabei ist von einer Person der Hinweis geäußert worden, dass es auf einer Wettbewerbsveranstaltung der HMI nach Südamerika zu vergleichbaren Aktivitäten gekommen sei.
Auf Nachfrage wurde der Hinweis dahingehend ergänzt, dass eine HMI-Geschäftsstelle in Frankfurt im Januar/Februar 2011 eine Wettbewerbsreise in ein „Swinger-Hotel“ in Jamaika durchgeführt habe.
Die von Herrn M. geleitete Geschäftsstelle in Frankfurt hat in den Jahren 2009 und 2011 jeweils Wettbewerbsreisen nach Jamaika in das „Swinger-Hotel“ Hedonism II (www.hedonism-resorts.de) durchgeführt.
Das Hotel ist gemäß Internet-Recherche ein bekanntes Reiseziel für entsprechend interessierte Personen.
Vor Buchung der Reise sind die Reiseunterlagen gem. Richtlinie zum Generalstrukturen-Reisewettbewerb (GRW) der abrechnenden Stelle PVH5HH per Mail zur Genehmigung vorgelegt worden.
Von der Geschäftsstelle wurden insgesamt drei Angebote von unterschiedlichen Hotels eingeholt und es wurde mitgeteilt, dass man sich für die dritte, günstigste Variante mit der Hotelkombination Mariott am Time Square und dem Hedonism II auf Jamaika entschieden hatte.
Als Grund für die Buchung gab er an, dass seine erste Wettbewerbsreise vor 25 Jahren in dasselbe Hotel geführt habe.
Nach allem, was Ergo heute bekannt ist, war diese Veranstaltung ein Einzelfall und widersprach schon damals den Regeln, die für die Organisation von Wettbewerbs-Reisen gelten.
Herr P. verwies darauf, dass sich zur selben Zeit das Magazin „Playboy“ mit „Bunnys“ zwecks eines Fotoshootings in der Anlage aufhielt.
In diesem Zusammenhang seien auch Fotos mit Teilnehmern und den Models (teilweise ohne Oberteil) aufgenommen worden. Es sei nicht auszuschließen, dass diese Fotos an die Öffentlichkeit gelangten.
Da hatte sie Recht: Wie groß der Betrag ist, ist allerdings völlig unerheblich. Entscheidend ist allein: Wo liegt, rein moralisch betrachtet, der Unterschied zwischen drei Packungen Kopierpapier und 4,5 Millionen? Fängt Moral erst ab 250.000 Euro an? Oder ab Abteilungsleiterebene? Die bittere Wahrheit lautet: Nicht bloß Manager, sondern wir alle müssten moralisch dazu lernen. Wie gut, dass wir das nicht müssen.
Denn solange wir mit dem Finger auf korrupte Manager zeigen, stellen wir sicher, dass weder wir noch sie was dazulernen. Niemand lernt sonderlich gut, wenn mit dem Finger auf ihn gezeigt wird, wie jeder Grundschullehrer weiß. Was nicht heißt, dass Manager nicht ständig zum Lernen verdonnert würden.

Herr Schuster, ich frage mich allen Ernstes wie Sie auf die Idee kommen, "wir" müssten alle dazulernen?
Ein Geschäftsführer einer Tochtergesellschaft eines MDAX Unternehmens hatte sich mal intensiv darüber ausgeheult, dass wegen Bestechung gegen ihn ermittelt wurde, weil er es ja schließlich nur für die Firma gemacht hatte. Dass er bei neuen Aufträgen u.a. über seinen ergebnisabhängigen Bonus selbst massgeblich davon profitiert, hatte er völlig aus den Augen verloren.
Wie sollen heute "normale" Mitarbeiter ihren angeborenen Anstand beibehalten, wenn Sie sehen, welche Einstellung sich heute an der Spitze von Unternehmen breitmacht? Schauspieler, die die Unternehmenskasse als Selbstbedienungsladen auffassen - sowohl bei Geschäftsführern, Vorständen als auch Aufsichtsräten - und mit einem "sauschlechten" Beispiel vorangehen und sich über lange geltende Masstäbe einfach hinwegsetzen, leben es täglich vor, welchen Stellenwert moralisches Verhalten geniesst. Bei derart tollen Vorbildern braucht man sich nicht mehr wundern, wenn sich "Schütze Arsch" auch nicht mehr wie ein hanseatischer Kaufmann verhält.
In unserer Gesellschaft hat sich in den letzten Jahren an der Spitze eine römische Dekadenz breit gemacht, die die Erfinder derselben um Lichtjahre in den Schatten stellt.
Jedes nur denkbare Mittel ist heute recht, wenn es darum geht sich die eigenen, meist schon überquellenden Taschen vollzustopfen. Andere unmoralisch zu übervorteilen ist die Regel. In Unternehmer- und Managerkreisen kann man sich excellent mit den neuesten Taschenspielertricks profilieren, mit denen man Geschäftspartner und Mitarbeiter über den Tisch gezogen hat. Wenn dabei die Grenze der Legalität überschritten wird, dann erhöht das nur den Kick. Man darf sich ja nur nicht erwischen lassen.
Und wenn es dann doch soweit kommt, dann wird das schnell öffentlich zur Not etwas bedauert und die Regel als absolute Ausnahme und das Werk Einzelner dargestellt.
Was wäre die römische Dekadenz ohne Heuchelei?

Zum Artikel ist grundsätzlich anzumerken :
Wir praktizieren ein profitorientiertes, kapitalistisches
Wirtschaftssystem, in dem der Darwinismus bestimmend ist -- mit einem sozialen Anstrich. Mal mehr, mal weniger.
Die Frage nach der Moral ist damit beantwortet, obwohl der CEO von Goldman-Sachs, Herr Blankfein, behauptet :
"Wir tun Gottes Werk".
Allgemeinverbindlich kann für alle Beteiligten dieses Systems empfohlen werden :
Jeder halte sich an getroffene vertragliche Vereinbarungen, beachte die möglicherweise strafrechtliche Relevanz seiner Aktivitäten und trage dafür Sorge, dass er nicht e r p r e ß b a r wird ----
in welcher Art und Weise auch immer !!

5.) Verhalten sich die Absolventen, die in Scharen in die öffentlichen Institutionen strömen und dort Überregulierung betreiben, moralisch? Als Motive werden regelmäßig genannt: (Arbeitsplatz-)Sicherheit, Rente, Vereinbarkeit Beruf+Familie. Fast nie habe ich gehört, daß jemand die überflüssigen Verwaltungspositionen für notwendig hielt - ist das moralisch? Oder bedient man sich nur auf andere Weise am System?
6.) Hat der Autor (und mit ihm eine ganze Generation) sich nicht prächtig am „Wachstumshorror“ gelabt? Haben sie ihr Haus, ihren gedeckten Tisch, ihre Annehmlichkeiten nicht alle diesem Horror (Postkolonialismus, Schuldenmacherei, Umweltausbeutung, Ausbeutung der „Generation Praktikum“) zu verdanken? Mit vollen Bäuchen und ebensolchen Konten sitzen sie da und erfinden nun die Moral (neu). Predigen MORAL als neuen Maßstab, wohl wissend, daß es mit den alten Wachstumsraten vorbei ist und daß die nachrückende Generation keinen Job (denn Aufträge wird man auf moralische Weise weniger hereinholen können), keine Rente, kein Haus, kein volles Konto mehr haben wird. Vielleicht wird es zum Essen reichen. Das tolle Erbe, welches (mit Stolz als eigene Leistung betrachtet) in Aussicht gestellt wird, ist in Wirklichkeit gepumptes Geld. Denn vieles, was der Staat in den letzten Jahrzehnten großzügig verteilt hat und noch immer ausschüttet, steht heute auf der Schuldenuhr. Auch der Manager hat (natürlich) sein privates Häuschen früher in Teilen legal von der Steuer abgeschrieben (§ 7e EStG a.F.), andere haben die Eigenheimzulage kassiert. Nichts davon ist heute mehr möglich. Im Gegenteil: der Staat holt sich das Geld mit steigender Absch(r)öpfung und einem immer perfekter organisierten, unerbittlichem System dort, wo er es kriegen kann: bei denen, die immer noch leistungsbereit- und willig sind. Ist das der moralische Maßstab, der uns prägen und leiten soll??
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