AirBnB heuert Blackstone-Manager an
Exodus von der Wall Street

Kalifornische Strände statt New Yorker Straßenschluchten: Immer mehr Finanzprofis zieht es in die Start-up-Metropole San Francisco und ins Silicon Valley. Es ist schöner und man verdient sogar noch mehr.
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San FranciscoLaurence Tosi ist der bislang letzte Abtrünnige. Der Finanzchef der Beteiligungsgesellschaft Blackstone wird seinen Schreibtisch von der Ostküste der USA in das Stadtzentrum von San Francisco verlegen. Er fängt als Finanzvorstand beim Online-Portal Airbnb an. Tosi bringe die benötigten Qualitäten mit, um das Unternehmen auf die nächste Stufe zu bringen, erklärte Airbnb-Chef und Mitgründer Brian Chesky am Freitag.

Airbnb, das in Konkurrenz zur Hotel- und Ferienindustrie Schlaf- und kurzfristige Wohngelegenheiten vermittelt, wird am grauen Kapitalmarkt mit rund 20 Milliarden Dollar bewertet. Nach Meinung vieler Beobachter bereitet das Unternehmen den Börsengang vor. Das wäre der ideale Zeitpunkt für den Einstieg, da das Vergütungspaket des Top-Managers Tosi - dessen Höhe allerdings noch nicht bekannt ist - mit Sicherheit Aktien oder Optionen enthalten wird.
Tosi ist nicht der erste, der die seit der Kernschmelze der Weltwirtschaft stark regulierte Finanzindustrie für die Internetwelt verlässt. Der bislang spektakulärste Wechsel fand im März statt, als Ruth Porat den Posten der Finanzchefin bei Morgan Stanley aufgab und in gleicher Position bei Google anheuerte. Ihr erster öffentlicher Auftritt im Mai als strenger Kosten-Kontrolleur in Verbindung mit guten Geschäftszahlen für das Quartal ließ den Börsenwert Googles um 65 Milliarden Dollar an einem Tag explodieren.
Für Porat selbst hat sich der Wechsel ebenfalls gelohnt, während sie nach Unterlagen der Börsenaufsicht SEC in den vergangenen drei Jahren insgesamt 29 Millionen Dollar an der Wall Street verdient hat, sieht ihr aktueller Vergütungsplan 70 Millionen Dollar für die ersten zwei Jahre vor.

Zuvor waren bereits Anthony Noto von Goldman Sachs und Imran Khan von Credit Suisse dem Ruf an die Goldküste gefolgt und haben Nadelstreifen gegen Hoodie eingetauscht. Noto ist seit 2014 Finanzchef beim Kurznachrichtendienst Twitter in San Francisco, Khan ist seit Jahresende bei sozialen Netzwerk Snapchat im Silicon Valley.

Die prominenten Wechsel sind die sichtbaren Zeichen einer schleichenden Machtverschiebung von der Ost- an die Westküste. 2014 bezogen die rund 167.800 Wall-Street-Banker nach Zahlen des Finanzchef-Büros des Staates New York im Schnitt einen Bonus von 169.845 Dollar auf ein Grundgehalt von rund 200.000 Dollar.

Ein Programmierer im Silicon Valley fängt schon nach dem College im Schnitt mit 120.000 Dollar Grundgehalt an. Langgediente Spezialisten schaffen, Aktien und Optionen mitgerechnet, locker ein durchschnittliches Banker-Gehalt mit Bonus. Und während nach der Krise 2008 die Banken noch immer mit den Folgen kämpfen, scheinen Wachstum und Innovation im „Valley“ unbegrenzt.

Selbst eine Finanzkarriere ist im Silicon Valley heute mindestens so vielversprechend wie an der Wall Street. Der Prozess von Ellen Pao gegen die Risikokapitalfirma Kleiner Perkins brachte ans Tageslicht, dass sie schon als Partnerin 400.000 Dollar Basisgehalt plus Boni und Erträge aus Kapitalanlagen verdient hat. Senior-Partner(innen) bekommen ein Mehrfaches, vor allem, wenn ein milliardenschwerer Börsengang gelingt. Venture-Kapital-Firmen sind die neuen Banken an der Westküste.

Der Exodus von der Wall Street ist erst in seinen Anfängen. Die selbsternannten „Master of the Universe“ hatten in den 90er Jahren - und danach - wie in einem gewaltigen Spielkasino und mit immer gewagteren Konstruktionen an der Wall Street so viel Geld verdient, wie es eigentlich unmöglich schien. Doch dann kam der Kollaps und der Kapitalismus musste sich neu erfinden. Während die Banken mit Steuerzahlergeld am Leben erhalten wurden, hielt der Aufstieg des Silicon Valleys unvermindert an; und dank Risikokapital ohne Wall-Street-Banken.

Wenn die Hochzeit aus Technologie und Finanzwelt erst einmal richtig vollzogen ist, sind alle Schleusen geöffnet. Nach Erhebungen der Beratungsgesellschaft Accenture flossen 2014 weltweit zwölf Milliarden Dollar Risikokapital in „Fintech“-Unternehmen. 2013 waren es erst vier Milliarden Dollar. „Fintech“-Start-ups haben sich auf die Fahne geschrieben, die Finanzindustrie in das digitale Zeitalter zu führen. Traditionelle Banken werden dabei nicht mehr zwingend gebraucht, aber Top-Leute mit Wissen über die Finanzindustrie.

Wenn Gordon Gekko („Wall Street“, Michael Douglas, Regie: Oliver Stone, 1987) heute noch einmal anfangen müsste – er würde sein Büro in San Francisco eröffnen.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
Handelsblatt / Korrespondent

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