Alpen ohne Schnee
Frau Holle streikt in Ischgl

In den Skigebieten sollen bald die Lifte öffnen. Doch in den Alpen liegt kaum Schnee. Im Tiroler Ischgl lassen sich Bahnbetreiber und Hoteliers davon nicht beeindrucken – sie wollen in Kürze in die Saison starten.

IschglSerafin Siegele ist eigentlich übermächtig. Er kann auf Knopfdruck dafür sorgen, dass es schneit. Siegele ist Pistenchef in einem der größten und bekanntesten Skigebiete der Alpen: Ischgl. Damit ist er Herr über 1000 Schneekanonen. Innerhalb von drei Tagen kann Siegele zwei Drittel seiner insgesamt 238 Kilometer Pisten in eine Winterlandschaft verwandeln. Es gibt nur ein Problem: Damit die Schneekanonen funktionieren, braucht es Frost. Doch davon ist selbst auf 2.300 Metern Höhe im österreichischen Tirol noch keine Spur.

Meteorologen melden den wärmsten November seit dem 18. Jahrhundert. Auf der Ischgler Idalpe, von der aus die meisten Lifte in alle Winkel der riesigen „Silvretta Arena“ starten, herrschen derzeit Temperaturen von zehn Grad plus und mehr. Größere Schneereste liegen nur noch in einigen schattigen Seitentälern des Skigebiets. Nicht nur in Österreich ist es ungewöhnlich warm für diese Jahreszeit. Eine regelrechte Hitzewelle hat auch die Südseite der Alpen erfasst.

Für Serafin Siegele und sein Team dürfte es damit eng werden: Am 28. November will Ischgl in die neue Saison starten. Die meisten der 12.000 Gästebetten im Ort sind schon längst gebucht. Zur Eröffnung sollen die „Beach Boys“ singen. Seit Gründung der Seilbahngesellschaft 1962 wurde der „Tag X“ immer gehalten. Mehr noch: Allen Theorien vom Klimawandel zum Trotz verlegten die Ischgler ihren Start immer weiter nach vorne. War es im nahen St. Anton noch grün, wichen die Gäste ins höher gelegene Ischgl aus. Die Saisoneröffnung zu verschieben, wäre eine kleine Katastrophe für Liftbetreiber und Hoteliers.

Doch, dass die Pisten grün bleiben, wird zunehmend wahrscheinlich: Prognosen zeigten, dass es bis in den Dezember hinein überdurchschnittlich warm bleibe, sagt Stefanie Gruber von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik in Innsbruck. Wegen der frühlingshaften Temperaturen habe sich in den Alpen noch keine Schneedecke gebildet, erklärt Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst. Ein Wintereinbruch sei auch in dieser Woche nicht sicher absehbar. Immerhin: In den letzten Novembertagen bestünde Hoffnung auf Temperaturen unter null Grad, sagt Friedrich. Den Frost brauchen die Schneekanonen, um die Pisten beschneien zu können.

Darauf setzen auch die Ischgler Gastwirte. Alfons Parth ist Obmann des Tourismusverbands Paznaun Ischgl. In seinem Büro hängen Plakate von Superstars, die in den vergangenen Jahren im Skigebiet aufgetreten sind: Elton John, Pink, Robbie Williams, Rihanna. Die Botschaft: Wenn die Ischgler etwas wollen, dann schaffen sie es auch. Die Frage nach einem Plan B für den Fall, dass die Hänge und Wiesen zur Eröffnung grün sind, beantwortet Parth erst gar nicht: „Bei uns wird man Ende November Ski fahren. Das Opening ist ein Fix-Date und wir verschieben das nicht.“

Auch Anna Lenz lässt sich nicht beirren. Die Seniorchefin der Frühstückspension „Waldrast“ steht auf ihrem Balkon und schaut hinab auf das sonnendurchflutete Ortszentrum. „In 14 Tagen kann viel passieren“, sagt Lenz, die 16 Betten hat. „Über Nacht kann ein halber Meter Schnee fallen.“ Und wenn nicht? Lassen sich die Zimmer dann kostenlos stornieren? Lenz schüttelt den Kopf. „Darüber mache ich mir überhaupt keine Gedanken.“ In mehr als 60 Jahren sei die Eröffnung nie verschoben worden. „Das wird nicht eintreffen.“

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