ARD-Bericht
Daimler-Dienstleister Preymesser gerät unter Druck

Eine ARD-Reportage über Lohndumping bei Daimler schlägt hohe Wellen. Die Firma Preymesser spricht von unseriöser Berichterstattung. Unterdessen prüft die Staatsanwaltschaft eine Anzeige gegen den Konzern – und Daimler.
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HamburgDie durch eine ARD-Reportage über angebliches Lohndumping bei Daimler in die Kritik geratene Spedition Preymesser hat dem Sender unseriöse Berichterstattung vorgeworfen. „Was dieser Wallraff junior mit der Kamera im Knopfloch da gestellt hat, ist aus unserer Sicht unkorrekt“, sagte Geschäftsführer Michael Preymesser der Nachrichtenagentur Reuters am Freitag. „Er hat im Film eine Nummer abgezogen und so getan, als musste er beim Verpacken von Zylinderköpfen sehr schwer heben.“ Tatsache sei, dass es an dem Arbeitsplatz eine spezielle Vorrichtung gebe, damit keiner der Mitarbeiter schwer heben muss. Diese habe der Reporter ignoriert.

Der Autor Günter Wallraff hat durch verdeckte Recherchen seit den 1960er Jahren in mehreren Firmen Verstöße gegen Arbeitnehmerschutzrechte enthüllt. Bekannt sind zudem seine Berichte über die damaligen Recherchemethoden der „Bild“-Zeitung und seine Reportage „Ganz unten“, in der er als türkischer Gastarbeiter „Ali“ bei verschiedenen Unternehmen den Umgangston gegenüber Gastarbeitern anprangert.

Der ARD-Sender SWR hatte zu Wochenanfang berichtet, dass an den Fließbändern bei Mercedes-Benz Arbeitnehmer beschäftigt würden, die so wenig verdienten, dass sie davon nicht leben könnten und ihren Unterhalt durch Hartz-IV-Aufstockung sichern müssten. Dazu hatte sich ein Reporter von einer Leiharbeitsfirma einstellen lassen, die diesen an Preymesser verlieh, wo er nach Darstellung des Senders Hand in Hand mit der Stammbelegschaft von Daimler zusammenarbeitete.

Die Logistikfirma aus Neutraubling liefert in Stuttgart-Untertürkheim Teile für die Motorenfertigung direkt an die Produktionsbänder von Mercedes-Benz. Neben der eigenen Stammbelegschaft beschäftigt Preymesser dort bis zu 50 Prozent Leiharbeiter.

Daimler hat der Darstellung der ARD widersprochen, der Autobauer trenne nicht zwischen eigenen und fremden Beschäftigten. Die Einhaltung arbeitsrechtlicher Vorgaben zur Abgrenzung von Tätigkeiten von Drittfirmen genieße bei dem Dax-Konzern höchste Aufmerksamkeit.

Der Geschäftsführer der Spedition Preymesser betonte, die Werkverträge seien „korrekt nach Gesetzeslage abgewickelt“ worden. „Wir arbeiten mit einer absolut seriösen Verleihfirma, die dem Reporter, soweit wir informiert sind, den gültigen Tariflohn nach iGZ-DGB bezahlt hat.“ Von der von Preymesser beauftragten Verleihfirma Diwa in München war keine Stellungnahme zu erhalten.

Nach Angaben des SWR verdiente der Reporter 8,19 Euro in der Stunde und kam so auf einen Monatslohn von 1220 Euro brutto. Die niedrigste Lohntarif-Stufe für die Daimler-Stammbelegschaft liegt den Angaben zufolge bei etwa 3400 Euro im Monat und ist damit drei Mal so hoch.

Bei der Stuttgarter Staatsanwaltschaft war nach der Sendung eine Strafanzeige wegen des Vorwurfs illegaler Arbeitnehmerüberlassung eingegangen. Daneben wurde die Behörde auch selbst aktiv. „Wir schauen uns das an, weil es sehr viel Aufsehen erregt hat“, sagte Sprecherin Claudia Krauth. Man habe einen Beobachtungsvorgang angelegt. Dabei handelt es sich um die Vorstufe zu formellen Ermittlungen, bei der noch keine Zeugen vernommen werden dürfen. Die Staatsanwaltschaft recherchiert zunächst in öffentlich zugänglichen Quellen, ob sich ein Anfangsverdacht ergibt.

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Daimler-Dienstleister Preymesser gerät unter Druck

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Anzeige gegen Daimler und Preymesser

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  • @Aspi: Sorry, Ihr Kommentar geht mal gar nicht. So wie wir das im TV gesehen haben entspricht es der REALITÄT. Also wachen Sie auf aus Ihrem Mädchentraum. Die Menschen werden "verschleißt".Punkt. Ich danke der ARD für diesen Beitrag (dem Handelsblatt auchf für diesen Artikel). Und über die Kommentare des Geschäftsführers von PM, da musste ich echt schmunzeln! Kleiner Tipp: Ich würde generell eher sowas schreiben wie "Ich war entsetzt; natürlich werden wir alles daran setzen unseren Mitarbeitern ein besseres Arbeitsumfeld zu besseren Konditionen zu bieten." Es ist ja nicht so, dass PM nicht gut verdient, leider kommt das bei den Mitarbeitern nicht an (haha..). Eine bodenlose Frechheit, dass wir von unseren Steuergeldern solche Unternehmen subventionieren indem die Leiharbeiter eine Aufstockung beim Arbeitsamt beantragen. Weil das Geld nicht zum Leben reicht. Traurig und menschenverachtend.

  • wenn ein einfacher Arbeiter 3400 Euro verdient (während z.B. eine gelernte Altenpflegerin bei 2000,- liegt) dann ist die "Nutzung" von Fremdpersonal die einzige Lösung um Marktfähig zu bleiben. Fazit: die Leiharbeiter subventionieren die unverschämt hohen Gehälter der Stammbelegschaft. Alternative: Werk ins Ausland verlegen.

  • INSIDER
    Es ist ja nicht das 1. mal dass grundsätzlich eine derart berechtigte Kritik nach investigativen Recherchen in der deutschen Wirtschaft und Unternehmen von Nobelfirmen wie Daimler bis zu den Discountern Aldi und Co. auftauchen. Und natürlich sofort wieder dementiert werden, wie gehabt. Jede/r weiss es, dass es in der deutschen Arbeitswelt längst so läuft und keiner will es wahrhaben, geschweige denn an der großen Glocke bzw. in den Medien. Es ist nichts anderes wie Kollektives Verdrängen pur. Jeder 5. AN kann vom verdienten Lohn nicht mehr leben. Die Politik schönt die Bedingungen, weiss von nichts und die Konzernchefs verdienen sich dabei eine goldene Nase.
    http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-09/niedriglohn-statistik-bundesamt

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