ATU-Sanierung
Christophorus hilf!

Bei ATU geht es derzeit nicht um Strategie und Schrauben, sondern um Anleihen und Altschulden: Die neuen Eigentümer aus der Heuschrecken-Branche müssen bei der Werkstatt-Kette Probleme lösen, die es ohne sie nicht gäbe.
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DüsseldorfEiner der Sprüche, die der jüngst verstorbene Kabarettist Dieter Hildebrandt hinterlassen hat, geht so: „Die Politiker lösen für das Volk die Probleme, die das Volk ohne die Politiker nie gehabt hätte.“ Das Motto lässt sich ohne Schwierigkeiten auf die Private-Equity-Branche, die Zunft der Risikokapitalgeber also, übertragen. Es lautet dann so: „Private Equity löst für Unternehmen die Probleme, die ein Unternehmen ohne Private Equity nie gehabt hätte.“ In beiden Fällen gilt das Motto nicht immer und für alle, aber eben manchmal.

Ganz sicher gilt es für die Schrauber-Kette ATU und deren Finanzinvestor KKR. Beide Seiten haben sich inzwischen voneinander getrennt. Doch während KKR munter zu neuen Ufern schreitet und sich beispielsweise am Fußballerstligisten Hertha BSC beteiligt, bleibt ATU auch nach dem dritten Besitzerwechsel eine heillos verschachtelte Eigentümerstruktur mit Finanzvehikel auf den Cayman Islands und Tochtergesellschaften in London. Der ehemals solide Mittelständler mit 600 Niederlassungen und Hauptsitz im beschaulichen bayerischen Örtchen Weiden kämpfte ein gutes halbes Jahr, um eine Insolvenz abzuwenden. Seine neuen Eigentümer schreckten dabei vor keinen Tricks zurück, um möglichst steuerschonend und zu Lasten der meisten alte Gläubiger das Unternehmen fortzuführen - mit ungewissem Ziel.

Natürlich stammen auch die neuen Eigentümer aus der Branche der Risiko-Investoren, die einst den Namen „Heuschrecken“ verpasst bekommen hat. Der Weg, den die Investoren einschlagen, soll das Unternehmen und damit ihr Geld retten, tatsächlich geht es jedoch nicht um Strategie und Schrauben, sondern um Anleihen und Altschulden.

Das Nachsehen könnten die haben, die ATU allzu schnell einen Wechsel auf die Zukunft gewährten. Da ist zum Beispiel die Stadt Weiden. Dort trat an einem außergewöhnlichen Termin der Stadtrat zusammen: Bürgermeister Kurt Seggewiß hatte am ersten Nachmittag nach den Weihnachtsfeiertagen zu einer Sondersitzung des Stadtrats geladen. Auf der Tagesordnung am 27. Dezember stand ein Punkt: Der Erlass der Gewerbesteuer in Höhe von 80 Millionen Euro für ATU.

Die Summe wäre fällig geworden, weil der Sanierungsplan der Auto-Werkstätten-Kette stand und sich die Schulden von ATU so auf einen Schlag um 600 Millionen Euro verringerten. Auch ein Sanierungsgewinn unterliegt der Gewerbesteuer, Kommunen können jedoch auf die Steuer verzichten, wenn sich so beispielsweise Arbeitsplätze erhalten lassen. Weiden entschied sich dazu: ATU-Finanzchef Christian Sailer hatte zuvor deutlich gemacht, dass die drohende Gewerbesteuerzahlung das Unternehmen wieder in den Ruin treiben könnte. Müsse er nicht zahlen, könne er dagegen zusichern, dass Standort und Arbeitsplätze erhalten blieben. 

Es kam wie erhofft für die neuen ATU-Eigentümer, einer Gruppe von Investoren namens Centerbridge, Babson sowie Fonds, die von Goldman Sachs Investment Partners geführt werden: Der Stadtrat stimmte zu und ließ sich auf eine „verbindliche Auskunft“ ein, die lautete: Man werde die Gewerbesteuer voraussichtlich nicht einfordern. Endgültig durften sich die Stadtoberen nicht festlegen, wie Finanzdezernentin Cornelia Taubmann erklärt: „Das hätte möglicherweise ein EU-Beihilfeverfahren provoziert.“

Immerhin: Die Diskussion war hitzig und hatte etwas von einer Phantomdebatte: Zwar hätte das Geld aus der ATU-Gewerbesteuer gereicht, um Weiden zu entschulden, zweifelhaft war aber, ob es jemals geflossen, oder A.T.U vorher pleite gegangen wäre. Durch den Verzicht bleibe, wie Weidener Bürger nach Bekanntwerden des Beschlusses bemängelten, die Stadt weiter „bedürftig“. „Es ist unglaublich. Erst schlachtet die Heuschrecke den Braten, und dann rennen die Stadträte noch mit viel Geld hinterher. Welcher kleine Unternehmer bekam in Weiden jemals die Gewerbesteuer erlassen“, fragt ein Betroffener in einer erbosten Stellungnahme zwei Tage nach dem Beschluss.

Kommentare zu " ATU-Sanierung: Christophorus hilf!"

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  • Gordon Gekko (Wall Street) sagte einmal in einem Film ..."Weil sie Schafe sind - und Schafe werden geschlachtet"... Damit ist -fast- alles gesagt. Damals meinte man mit Schafe Fondsmanager, heute beziehe man bitte naive Kommunal-Politiker mit ein.
    Die Anleger, die nun mit der nachrangigen A.T.U.-Anleihe bereits 150 Mio. Euro!!! verloren haben, waren schon Schafe, aber dass nun noch andere zum "Schlachten" sich freiwillig dazu gesellen möchten (Gemeinde Weiden) ist mir völlig unverständlich. Goodbye Rechtsstaat D....... zum Wohle des Volkes....

  • Die Stadt Weiden sollte auf jeden Fall die Gewerbesteuern einfordern!Rechnet denn jemals einer nach, ob der Verlust der Arbeitsplätze wirklich mehr kostet als die ausstehenden Steuern?Natürlich wäre es unabhängig davon schrecklich für die AN und deren Fam.Außerdem wäre es ein Schlag ins Gesicht,anderer Selbstständiger/Firmen,die vielleicht auch um Ihre Existenz kämpfen und keine Unterstützung erhalten.. Wenn ein Geschäftsmodell nicht mehr läuft, muß der Unternehmer sich Gedanken machen und es den "Neuerungen "anpassen.Haben ja schon andere Branchen bewiesen, das es geht.
    Es ist dann Wiederwahl so, das Unternehmer ein Unternehmen ohne unternehmerisches Risiko führen können, Gewinne an den Unternehmer und die Schulden an die Allgemeinheit.

  • Anstatt die Gewerbesteuer zu erlassen oder zu stunden sollte die Stadt Weiden die Gewerbesteuer mitsamt Zinsen einfordern. Wenn A.T.U. dann aufgrund der eingeforderten Steuerzahlung - wie von den Eigentümern angekündigt - tatsächlich Insolvenz anmelden müsste könnten entsprechende Verbindlichkeiten aus der Gewerbesteuer ja bequem über besagten Debt-Equity-Swap in Eigenkapital umgewandelt werden - allerdings wäre Eigenkapitalgeber/Eigentümer dann die Stadt Weiden die das Unternehmen dann an einen echten Unternehmer, der nachhaltig am Geschäft, Arbeitsplätzen etc. interessiert ist und auch entsprechende Steuerzahlungen leistet, verkaufen. Schach Matt würde ich da sagen...
    Und sollten die jetzigen "Eigentümer" doch zahlen... hat die Stadt Weiden sicher nichts verloren... ;-)

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