Der Werber-Rat
Altmodische Hahnenkämpfe

Führende Köpfe der Branche überbieten sich gegenseitig darin, die jeweils anderen Disziplinen schlechtzumachen. Diese Gockelei langweilt allerdings sowohl die Kunden wie auch die Mitarbeiter.
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Der Tagungstitel klang zunächst wenig spannend: „Zusammenarbeit von Einkauf, Marketing Kreativagentur“. Und doch habe ich bei dieser Fachtagung der Bundesverbände BME und GWA in der vergangenen Woche einiges Wissenswerte mitnehmen können.

Nicht Kosten waren in den Gesprächsrunden das große Thema, sondern Messbarkeit und Multi-Optionalität, Überforderung also durch die Vielzahl der Kanäle und Maßnahmen. Ein Teilnehmer klagte: "Jeden Monat kommt ein neuer Heilsbringer und verkündet die absolute Wahrheit: Seine Disziplin sei das Größte seit Erfindung des tiefen Tellers, wir könnten getrost alles andere vergessen und nur noch das machen, was er gerade anbietet - wer hat denn nun recht?" Keiner. Oder alle ein bisschen, war mein Angebot.

Es ist bezeichnend, dass führende Köpfe der Branche sich gegenseitig darin überbieten, die jeweils anderen Disziplinen - etwa Media, klassische Werbung, Online, Social Media, Content-Marketing oder PR - schlechtzumachen, in einer Zeit, in der weder ihre Kunden noch ihre potenziellen Mitarbeiter dieser Gockelei etwas abgewinnen können.

Denn: Die werbetreibenden Unternehmen haben andere Sorgen, und die Generation Y kann damit schlicht nichts anfangen. Ideologische Hahnenkämpfe wirken wie putzige soziologische Artefakte einer untergegangenen Kultur; sie haben keine Berechtigung in einer Phase, in der man das Verbindende sucht und nicht das Trennende betont. Weil man weiß, dass alle dabei gewinnen können.

Das gleiche Muster, das den Anspruch kennzeichnet, Karriere - auf eine neue Art - ganz selbstverständlich mit Familie und Privatleben vereinbaren zu können, oder den, Mobilität nicht zwingend an den Kauf eines Autos zu binden, hilft auch bei der Suche nach neuen Wegen in der Kommunikation: die Suche nach der gegenseitigen Bereicherung und Befruchtung.

Ein Denken in Optionen, die sich nicht ausschließen müssen, sondern flexibel ergänzen können. Das ist in Phasen, in denen nichts gewiss ist als die Ungewissheit, ein Zeichen von Klugheit, nicht von mangelnder Entscheidungsfreude. Dies also ist kein Plädoyer für ein „Verlieren in den Möglichkeiten“ oder das „Aufgeben eines Fokus“, sondern eines für die „Kraft des ‚‘“.

Der Autor: Torben Bo Hansen ist Mitinhaber der Agentur Philipp und Keuntje.

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