Deutschlands beste Anwälte
Das boomende Geschäft mit der Angst

Bei Skandalen wie etwa beim Deutschen Fußballbund sind sie zur Stelle: Anwaltskanzleien unterstützen große Unternehmen bei internen Untersuchungen – und verdienen dabei prächtig.

Es brennt im Herbst 2015 an der Otto-Fleck-Schneise 1 in Frankfurt. Doch beim Deutschen Fußballbund (DFB) will niemand der Feuerlöscher sein. Der weltgrößte Sportverband steckt in seiner tiefsten Krise. Der Auslöser: Eine Titelgeschichte über den möglichen Stimmenkauf bei der Vergabe der Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land . Hochrangige Funktionäre, darunter der amtierende DFB-Präsident Wolfgang Niersbach sollen dafür mitverantwortlich sein. Das Sommermärchen gekauft? Niersbach ergreift die Flucht nach vorne und erteilt der Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer den Auftrag. Sie soll klären, was es mit den Vorwürfen auf sich hat und wer für den möglichen Skandal verantwortlich ist.

Die Glaubwürdigkeit des DFB liegt nun in den Händen eines schlanken, weißhaarigen Mannes im Maßanzug: Freshfields-Partner Christian Duve, einer der besten Prozessanwälte Deutschlands. Hamburger mit Eintracht Frankfurt im Herzen. Schiedsrichter am Sportgerichtshofs CAS. Einer, der sich mit Recht und Sport bestens auskennt.

Duve weiß, dass er ein brisantes Mandat betreut. Er spürt es, wenn er den ,War Room’ in der DFB-Zentrale betritt, in dem über 40 Anwälte seiner Kanzlei Akten und Datenverzeichnisse durchsuchen. Er sieht es, sobald er die Zeitung aufschlägt. „Bereits wenige Tage nach der Mandatierung formulierte die ,Bild‘-Zeitung in ihrer Montagsausgabe, was in der Woche geschehen sollte“, erinnert sich Duve.

Der Druck der Medien lastet auf den Aufklärern und treibt bisweilen Stilblüten. Ende Oktober stellt „Bild“ auf ihrer Titelseite die Frage: „Wann spricht Franz?“ Am gleichen Tag treffen sich Beckenbauer und Duve zum Gespräch in München. Anfang März, als der Freshfields-Anwalt den Prüfungsbericht vorstellt, sind zig Kamerateams in Frankfurt vor Ort. An diesem Tag ist der Freshfields-Bericht über die DFB-Affäre die erste Nachricht in der 20-Uhr-Tagesschau. Die interne Untersuchung hat es in die Primetime geschafft.

Das DFB-Mandat ist kein typisches Beispiel für die Arbeit von Anwälten, die für Unternehmen arbeiten, die Verdachtsfälle von Betrug, Untreue oder Insiderhandel aufklären wollen oder müssen. Aus Sicht des Unternehmens muss es schnell und diskret gehen. Sie wollen das Fehlverhalten von Mitarbeitern möglichst in Eigenregie untersuchen, bevor Staatsanwälte, Steuerfahnder oder Beamte einer Aufsichtsbehörde vor ihrer Tür stehen. „Man darf nicht lange überlegen“, sagt Sascha Kuhn, Wirtschaftsstrafrechtler bei Simmons & Simmons. „Es gilt, Entscheidungen zu treffen und die Kollegen gleich ans Telefon zu bekommen.“

In den Vereinigten Staaten laufen derartige interne Untersuchungen bereits deutlich routinierter ab als in Deutschland. Mit solchen Ermittlungen und dem Umgang mit der Börsenaufsicht SEC oder dem US-Justizministerium United States Department of Justice (DOJ) haben US-Kanzleien bereits langjährige Erfahrungen – und sie sind ein erfolgreiches Geschäftsmodell. „Die Law Firms sind dort ein vom Unternehmen bezahlter Gehilfe der US-Behörde“, sagt Stefan Rützel, Partner bei der Kanzlei Gleiss Lutz, der sich auf das Prozessrecht spezialisiert hat.

Was Anwälte in einer internen Untersuchung leisten – Daten auswerten, Mitarbeiter befragen, Berichte erstellen, Kontakt mit Behörden aufnehmen – hat Rützel von der Pike auf gelernt. Seiner Ansicht nach hat sich das Geschäft im vergangenen Jahrzehnt von der reinen prozessualen Vorbereitung hin zu einer multidisziplinären Dienstleistung entwickelt. Die Dynamik sei klar durch die US-Verfahren gegen den Elektronikkonzern Siemens und den Autobauer Daimler ausgegangen, berichtet Rützel.

Die Korruptionsaffäre bei Siemens markiert eine Zeitenwende. Sie ist die Geburtshelferin der Dienstleistung in Deutschland. Siemens zahlt in der Schmiergeldaffäre nicht nur eine Milliarde Euro Strafe. Sondern auch Honorare in astronomischer Höhe an die Wirtschaftsprüfer von Deloitte und die in Deutschland bislang nur Experten bekannten US-Kanzlei Debevoise & Plimpton. Laut US-Börsenaufsicht SEC stellten sie Siemens innerhalb der 15-monatigen Untersuchung 474 Millionen Euro in Rechnung. Allein Debevoise erhielt 95 Millionen Euro – mit einem einzigen Mandat. Spätestens der Fall Siemens zeigt auch den deutschen Kanzleistrategen, wie lukrativ dieses Geschäftsfeld sein kann.

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