Initiative „Wir zusammen“
„Flüchtlinge, die Leistung bringen, müssen bleiben dürfen“

Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft diskutieren mit Handelsblatt-Lesern über die Integration von Flüchtlingen. Neben unangenehmen Wahrheiten gibt es reichlich Anlass zu Optimismus.
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KölnDie Heimat von Thierno Barry ist Ghana – das Land seiner Träume ist Deutschland. Hier absolviert er eine Ausbildung zum Industriekaufmann bei der BONG GmbH in Solingen. Noch lebt er in einem Flüchtlingsheim. Doch schon bald möchte er sich sein eigenes Leben in Deutschland aufbauen. Wenn es nach den vielen Unternehmern geht, braucht Deutschland mehr Menschen wie Barry.

Es scheitere so gut wie nie am Willen, aber viele Geflüchtete kämen mit falschen Vorstellungen in deutsche Unternehmen. So lautet einer der unangenehmen Wahrheiten der Veranstaltungsreihe „Wir zusammen schaffen Zukunft“, die das Handelsblatt am Dienstag in Köln zum zehnten Mal in diesem Jahr ausgetragen hat. Vielen Geflüchteten sei offenbar eingeredet worden, dass man hier das schnelle Geld machen könne. Dass davor eine Ausbildung zu absolvieren sei – mit über Jahre hinweg eher geringem Gehalt – das würde so manchen desillusionieren.

Georg Müller, Leiter der Personalabteilung von Bayer Deutschland, kennt dieses Thema aus dem Alltag. Für ihn, aber auch für seine Diskussionspartner auf dem Podium, ist die Ausbildung ein Muss. Martin Brüning, Leiter der Unternehmenskommunikation bei der Rewe Group, pflichtet ihm bei: „Desillusionieren gehört zum Prozess.“

Die beiden wissen wie auch Gabriele Fanta, Personalvorstand bei McDonalds Deutschland, dass viele Geflüchtete aber auch unter großem Druck stehen. Schließlich wartet nicht nur die Familie in der Heimat auf Geldsendungen, sondern bisweilen auch Schlepper, bei denen sie in der Kreide stehen.

Die Diskussion der Fachleute zeigte, welche Gemeinsamkeiten es bei der Integration von Geflüchteten gibt – aber auch, wie unterschiedlich die Herausforderungen sind. Bei McDonalds, so berichtet Fanta, gehe es vergleichsweise schnell und einfach: „Man muss nicht mal Deutsch können, um bei uns arbeiten zu können.“ Sie zeigte den rund 150 Gästen die bebilderten Tafeln, wo beschrieben stand, wie man „Burger baut“. Bei Rewe und vor allem bei Bayer ist der Weg deutlich länger, bis Flüchtlinge ein vollwertiges Mitglied der arbeitenden Belegschaft sein können. Sprachkurse und das Beibringen von deutschen Arbeitsweisen sind da nur die ersten Schritte.

Einig waren sich die Firmen auch, dass sie intern den Boden bereiten müssen: „ Der Betriebsrat hat das Thema intensiv unterstützt. Ich würde mir wünschen, dass alle Vereinbarungen so leicht funktionieren würden“, erklärt Martin Brüning von Rewe. Offen berichteten die Unternehmensvertreter, wie die Mitarbeiter auf die Herausforderung reagiert haben, dass sie nun mit Flüchtlingen zusammenarbeiten werden: „Gerade die Menschen, die sonst eher still und unauffällig sind, zeigten in diesem Moment Rückgrat.“ Auch Gabriele Fanta und Georg Müller kannten zahlreiche Fälle, wie Mitarbeiter ihren neuen Kollegen halfen, den Alltag zu bewältigen. Und wie das dem Betriebsklima auf die Sprünge half.

Neben den unternehmerischen Aspekten kam auf der von Christian Rickens moderierten Veranstaltung das Politische nicht zu kurz. Der Handelsblatt-Ressortleiter Agenda interviewte Uta Dauke, Vizepräsidentin des Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf), und Serap Güler, Staatssekretärin für Integration beim Familienministerium NRW. Beide betonten die Fortschritte bei den Behörden, aber auch, dass es immer noch Defizite gebe zum Beispiel die Kommunikation zwischen einzelnen Ämtern und die unklare juristische Regelung beim Bleiberecht.

Hier vermisste Serap Gülen als Vertreterin des Landes NRW auch Unterstützung des Bundes, schließlich fehle es am Ende vor allem den Kommunen an Geld, um die Menschen, die abgeschoben werden sollen, auch abschieben zu können.

Aus der Praxis eines Dolmetschers und Lehrers berichtete Elia Nazemi: „Viele, die seit Jahrzehnten hier sind, haben einen nur eingeschränkten Zugang zu Bildung. Daraus hat die Politik gelernt“, bilanzierte der ehemalige Manager, der nun seine Berufung bei der Integrationshilfe gefunden hat: „Ich sage den Leuten: Wenn ihr eines Tages in euer Land zurückgeht, nehmt deutsche Werte mit.“ Die deutsche Sprache zu können, sei schließlich die Grundlage. Die zu lernen sei allerdings schwer, weil viele in seinen Klassen Analphabeten seien. Nazemi berichtete von Schülern, die nicht in ihrer Heimatsprache lesen und schreiben könnten, inzwischen aber auf Deutsch.

Einig waren sich praktisch alle Anwesenden, dass es mehr Planungssicherheit brauche. „Menschen, die Leistung bringen, müssen auch bleiben dürfen“, forderte zum Beispiel Susanne Behem-Loeffler, Referentin für Integrationsdienste bei Malteser. Sie weiß aber auch, dass einige „taktieren und von Anwalt zu Anwalt rennen“.

Marlies Peine, Projektleiterin der Initiative „Wir zusammen“, nahm in ihrer Einführung schon das Fazit des gesamten Abends vorne weg: „Wir haben viel geschafft in diesem Jahr, aber das Glas ist bestenfalls halb voll.“

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