Mails der Ratingagentur S&P: „Es wird böse enden“

Mails der Ratingagentur S&P
„Es wird böse enden“

Die US-Regierung verklagt die Ratingagentur Standard & Poor`s, weil sie aus Gier Schrottpapiere zu gut bewertet haben soll. Interne E-Mails zeigen, wie Analysten den Crash kommen sahen – und darüber Witze rissen.  
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New YorkDer Manager bei Standard & Poor`s hatte ein ziemlich klares Bild davon, was sich gerade da draußen abspielt. „Dieser Markt ist ein wild drehender Kreisel“, schrieb der Mitarbeiter der Ratingagentur per E-Mail an einen Kollegen. „Und es wird böse enden“.

Ein anderer, ein Analyst, probierte es mit Galgenhumor . In einer Mail textete er den Hit „Burning down the house“ der Talking Heads zu einer Art Katastrophen-Song um: „Pass auf (...), der Subprime-Markt kocht über“, dichtete er, „Bringt das Haus zum Einsturz“ („Bringing down the house“). Kurz darauf ließ sich der Analyst dabei filmen, wie er den Song singt und dazu tanzt, vor applaudierenden Kollegen.

Die internen E-Mails stammen aus dem Frühjahr 2007, als die Blase auf dem amerikanischen Häusermarkt gerade zu platzen begann. Standard & Poor`s (S&P) hätte die Dokumente wohl am liebsten unter Verschluss gehalten, doch Dank der Klage des US-Justizministeriums und mehrerer Bundesstaaten sind sie nun an die Öffentlichkeit gelangt.

Der Staat will S&P nachweisen, dass die Firma strukturierte Wertpapiere wissentlich als viel zu gut bewertet habe, um die Aufträge der Wall Street nicht zu verlieren. Eine strengeres Bewertungsmodell habe man verworfen, weil das schlecht fürs Geschäft gewesen wäre.

Damit trage die Ratingagentur wesentlich Schuld an der Finanzkrise: Investoren weltweit hatten massenhaft solche gut beleumdeten Papiere gekauft. Als die Blase platzte, verloren sie rasant an Wert. Das brachte später das gesamte Weltfinanzsystem an den Rand des Abgrunds. S&P bestreitet die Vorwürfe.

Als wichtiges Beweismittel dienen der Regierung nun die Tausenden von E-Mails, die S&P den Ermittlern übergeben hat. Die Dokumente, die in der Klageschrift zitiert werden, geben einen faszinierenden Einblick in das Geschäftsgebaren der größten US-Ratingagentur.

Sie erzählen von Vorgesetzten, die die Rating-Standards aufweichen wollten, um nicht noch mehr Geschäfte an die Konkurrenten Moody`s und Fitch zu verlieren, von besorgten Mitarbeitern, die das Unheil kommen sahen, von Managern, die angesichts der zunehmend schlechten Presse einen Öffentlichkeits-Initiative starten wollten und von Analysten, denen angesichts der Lage nichts als Zynismus blieb.

So schrieb etwa ein Mitarbeiter: „Der Job läuft gut. Mal abgesehen davon, dass die Hypotheken-Welt zusammenbricht, Investoren und Medien uns hassen und wir alle herumrennen, um unser Gesicht zu wahren – keine Beschwerden“. Das war im Frühjahr 2007. Keine anderthalb Jahre später sollte Lehman Brothers zusammenbrechen, Amerika in die größte Rezession seit den 30er-Jahren stürzen und die ganze Welt mitreißen.

Kommentare zu " Mails der Ratingagentur S&P: „Es wird böse enden“"

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  • Ich dachte durch Basel III würden die Banken verpflichtet, ihre eigene Risikobewertung auszubauen und nicht mehr ausschließlich auf externe Ratings zu vertrauen.

    Irre ich da?

  • Der eigentliche Skandal ist meines Erachtens ein
    Politischer : Nach dem 2.WK waren die USA der eigentliche
    Gewinner, finanziell-wirtschaftlich-militärisch .
    Damit das so bleibt musste man zumindest die Nicht-Gegner
    daran hindern ausser Kontrolle zu geraten. Da der
    US-Markt der grösste und wichtigste Binnenmarkt war und
    ist machte man für den Zugang die Bedingung, dass jedes
    Unternehmen sich dem Rating einer dieser 3 privaten
    Agenturen unterziehen müsse. Dass private Ratings nicht
    "neutral" sein können oder sollen - sondern immer Interessenskonflikte mit sich bringen, ist bekannt - hat
    aber lange Zeit niemanden gestört. Mit "Privaten" kann
    man aber eben auch viel besser Politik beeinflussen,
    Informationen lancieren, Unterlagen "säubern" etc , Dinge
    die andauernd angewandt werden. Hätte man eine ehrliche
    und vor allem Neutrale Rating-Organisation gewollt, man
    hätte sie wie ein Behörde aufbauen und führen müssen. Und
    die Haftung wäre dann über den Staat gelaufen - wer
    möchte das schon ? Die bis heute übergrosse Dominanz
    (weltweit) dieser 3 privaten Firmen bestätigt doch nur
    den Machtfaktor. Warum sollte man freiwillig davon abrücken ? Die "Freunde" (Vasallen) leben noch recht gut
    damit , ernsthafte Konkurrenz ist nicht in Sicht.

  • Das ist der Punkt. Sie haben sehenden Auges ihre Aufgaben schlicht nicht nur nicht erfüllt, sondern auch noch in Kauf genommen das die Blase platzt udn viele Leute ihr Vermögen verlieren.
    Dafür werden Rating-Agenturen aber nicht gebraucht, und genau dafür werden sie auch nicht bezahlt.
    Dumme Ausreden helfen da auch nicht.

    "Die Bewertungen seien „in gutem Glauben“ erfolgt, nicht nach kommerziellen Interessen."

    Rating in gutem Glauben, da fällt mir noch ein billiger Werbespot ein, in dem eine Frau den Namen ihres Liebhabers verwechselt und dann ookeeeeyyy ... sagt.
    Die hab auch in gutem Glauben gehandelt, der Name sei richtig. Glauben sollte man aber besser in der Kirche.
    Vertrauen ist besser, aber diese Agenturen haben auch das Vertrauen, und zwar in ihre eigenen Aufgaben und ihre Kunden, verloren.
    Für mich genau seit 2008.
    Ich lege keine Gelder mehr dort an, wo diese Schmarotzer als Bewerter auftreten. Da verteile ich mein Erbe lieber an Kinderdörfer.

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