Marie-Luise Dierks
„Wir wollen, dass die Patienten nachfragen“

Medizinische Expertise war bislang den Fachleuten vorbehalten. Die erste Patientenuniversität will andere Wege gehen. Im Interview erklärt die Leiterin Marie-Luise Dierks, was das Projekt auszeichnet.
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DüsseldorfMit dem Aufbau der ersten Patientenuniversität in Deutschland hat die Pädagogin und Hochschulprofessorin Pionierarbeit geleistet. Dafür wird Marie-Luise Dierks im Rahmen der Health-i-Initiative als „Persönlichkeit des Jahres 2017“ ausgezeichnet.

Frau Dierks, viele Patienten fragen heute erst Dr. Google, bevor Sie zum Arzt gehen. Finden Sie das eher gut oder schlecht?
Es ist gut und schlecht zugleich. Es ist auf der einen Seite sehr gut, dass Patientinnen und Patienten die Chance nutzen, sich über Erkrankungen im Internet auf Basis vieler unterschiedlicher Quellen informieren zu können. Es ist dann schlecht, wenn sie bei der Suche auf Informationen stoßen, die Hypochondrie oder unnötige Ängste schüren. Aber wenn Menschen mit einem kritischen Blick surfen und dabei etwa prüfen, wie vertrauenswürdig der Absender der jeweiligen Seiten ist, würde ich sagen, überwiegt auf jeden Fall das Positive.

Weil der Patient schlauer wird – ein Ziel, dass Sie auch mit der Patientenuni verfolgen, wie Sie einmal gesagt haben.
Ja, und es ist auch eine unserer wichtigen Aktivitäten, Tipps und Leitfäden zu veröffentlichen, wie und wo man im Internet hilfreiche Gesundheitsinformationen findet. Wir wollen als Patientenuni nicht nur über Krankheiten reden, sondern grundsätzlich die Kompetenz der Menschen fördern, sich im Gesundheitswesen zurechtzufinden.

Das Schlagwort Gesundheitskompetenz hört man heute überall. Was genau verbinden Sie mit dem Begriff?
Auf den Punkt gebracht ist Gesundheitskompetenz die Fähigkeit von Menschen, mit ihrer Gesundheit und dem Gesundheitssystem in für sie guter Weise umzugehen. Entsprechend wollen wir mit der Patientenuni nicht nur Wissen über Gesundheit und Krankheit vermitteln, sondern vor allem unsere Teilnehmer befähigen, gleichberechtigt mit ihren Behandlern zu sprechen, Therapieempfehlungen kritisch zu hinterfragen und ihre Rechte etwa bei Behandlungsfehlern wahrnehmen zu können.

Keine Angst mehr vor den Göttern in Weiß?
Vielleicht ist Angst nicht das richtige Wort an dieser Stelle. Menschen sind kritischer geworden, hinterfragen Therapievorschläge, suchen eine zweite oder dritte Meinung, befragen das Internet. Auch wenn viele Erkrankte ihren Ärzten heute mit Selbstvertrauen gegenübertreten und Entscheidungen über ihre Behandlung gemeinsam mit den Ärzten treffen wollen: Es gibt eben auch viele Situationen, in denen Patienten verletzlich und unsicher sind. Wenn jemand zum Beispiel bei einer einschneidenden Erkrankung vor drei Therapie-Optionen steht, die zunächst nicht wirklich einschätzbar sind, ist der Wunsch, eine Entscheidung an die Experten abzugeben, durchaus nachvollziehbar.

Das Vorbild für die Patientenuni lieferten bei der Gründung vor zehn Jahren die MiniMed Schools in den USA. Wie hat sich das Angebot seitdem geändert?
Wir haben schon damals etwas grundsätzlich anders gemacht als die Gründer der Minimed Schools. Zwar erklären auch wir wissenschaftlichen Laien den neuesten Stand der Forschung zu medizinischen Themen. Aber bei uns werden nicht nur Vorträge gehalten, sondern wir wollen mit den Teilnehmern in einen Dialog treten und sie in ihrem Empowerment unterstützen.

Was heißt das genau?
Wir bieten nach den Vorträgen immer verschiedene Lernstationen in Form eines Lernparcours an: An Modellen wird etwa die Funktionsweise eines Organs erklärt. Wir zeigen, wie die elektronische Patientenkarte funktionieren könnte, wie man qualitativ hochwertige Informationen findet, wie Medikamente wirken oder wie man Gesundheitsapps aktuell einschätzen kann. Als Pädagogin ist es mir wichtig, dass die Teilnehmenden aktiv eingebunden sind und dass sie die Möglichkeit haben, ihre ganz spezifischen Fragen zu stellen oder selbst etwas auszuprobieren.

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