Mindestlohn im Call-Center
Deutscher Service zu türkischen Preisen

Call-Center stecken in der Klemme: Insolvenzen rütteln die Branche durch. Der Mindestlohn verheißt neues Ungemach, wird aber vielen Beschäftigten nichts bringen. Und den Kunden drohen längere Warteschleifen.
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DüsseldorfDie Anzeige in der Fachzeitschrift „TeleTalk“ hat es in sich: „Droht auch bei Ihnen mit dem Mindestlohn das wirtschaftliche Aus?!“, steht dort. Ein Call-Center-Betreiber bewirbt so seine Telefonisten in Istanbul. Heimkehrer aus Deutschland setzen sich in der Türkei das Headset auf – und zwar zu Preisen weit unter dem künftigen Mindestsalär von 8,50 Euro pro Stunde. „Deutsches Geschäft zu türkischen Preisen“ verspricht das Unternehmen.

Ein regelrechter Exodus deutscher Call-Center ins Ausland könnte die Folge sein, wenn die Große Koalition zum 1. Januar 2015 den Mindestlohn durchsetzt. Bislang erstarrt die Branche vor der Entwicklung aber eher wie das Kaninchen vor der Schlange. „Viele Call-Center-Betreiber handeln noch nach dem Motto: Sehe ich den Mindestlohn nicht, sieht er mich vielleicht auch nicht“, sagt Kai Mario Abel, langjähriger Unternehmer in der Branche und heute Berater. „Das ist unverantwortlich. Der Lohn wird die Branche durchrütteln.“

Zwar erhalten viele der etwa 500.000 Call-Center-Agenten in Deutschland bereits mehr als 8,50 Euro die Stunde – doch das gilt vor allem für Telefonisten, die in internen Call-Centern großer Unternehmen arbeiten. Bei den Dutzenden externen Betreibern ist es weniger die Regel. Es gibt Firmen, die zahlen Anfängern gerade einmal 5,50 Euro pro Stunde. Einen flächendeckenden Tarifvertrag gibt es nicht.

„Der künftige Mindestlohn ist vor allem für Standorte in Ostdeutschland ein Problem. Es wird Insolvenzen geben“, sagt Tatjana Voß, Branchenexpertin der TGMC Management Consulting in Hamburg. Dutzende große Call-Center gibt es von Mecklenburg-Vorpommern bis Sachsen. In weiten Teilen Ostdeutschlands beträgt der durchschnittliche fixe Stundenlohn eines eingearbeiteten Call-Center-Agenten laut TGMC-Daten 6,60 Euro .

Ein anderer Branchenkenner berichtet, dass einzelne Dienstleister derzeit bei ihren Banken um Extrafinanzspritzen für die ersten Monate des Jahres 2015 bitten – um das eigene Überleben solange zu sichern, bis man dann im Kundenstamm von Pleitefirmen wildern kann.

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  • Habe selbst 2012 acht Monate in einem vom Weltkonzern BOSCH betriebenen Callcenter (Inbound) für 1225 Euro/Monat brutto bei einer 35 Std.-Woche gearbeitet (u.a. für Air Berlin), sodass ich noch beim Jobzentner aufstocken musste. Ich glaube, der alte Robert Bosch würde sich im Grab umdrehen und sagen "Wenn die Rendite dieses Geschäftsfeldes keine höheren Löhne hergibt, dann verzichte ich lieber ganz darauf".

    Inzwischen hat Air Berlin übrigens m. W. einen Dienstleister in Rumänien beauftragt, weil der mit Personalkosten in der Größenordnung von 1 €/h nochmals deutlich billiger ist. Aber darüber machen sich die Schnäppchenjäger ja keinerlei Gedanken, wie diese tollen Preise zustandekommen.

  • Hank, Ihre Ansicht dass ein jeder ein von Ihnen definiertes Wunschgehalt verdienen möge erscheint mir etwas seltsam.

    Ich habe im Mittleren Osten gelebt wo ich zahlreiche Menschen getroffen habe die auch mit weniger als 100$/Monat glücklich waren.

    Selbst im Arbeiter- und Bauernparadies DDR gab es eine Lohndifferenzierung.

    In einer Marktwirtschaft werden Menschen nach dem empfundenen Wert ihres Schaffens bewertet und vergütet. Dadurch erhält ein Bill Gates eben Milliarden $ weil er es ermöglicht hat, dass ich heutzutage einen Computer in Taiwan, oder Aegypten benutzen kann ohne komplett das System neu zu erlernen. Ich kann einen im Iran geschriebenen Text direkt bearbeiten. Dagegen wird das Hemdennähen einer Dame in Bangladesh mit 2 $/Tag bewertet.

    Wenn man alle Menschen der Erde mit dem Ihrerseits definiertem Wunschgehalt versorgen würde, bedürfte es 3 Mrd. Autos, einer verzehnfachung der Erdöl/Erdgas/Kohleförderung.....

    Da die Erdbevölkerung nicht mehr konsumieren kann als produziert wird, läge ein Welteinheitseinkommen vermutlich bei knapp 100$/Monat.

  • Die Hand müsste mir als Verkäufer verdorren, bevor ich Inbound machen würde.

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