Touristen aus China
„Deutschland darf nicht abgekoppelt werden“

Chinas Touristen bringen viel Geld nach Europa. Michael Rabe, Generalsekretär im Bundesverband der deutschen Tourismuswirtschaft, fürchtet angesichts ungleicher Visaregeln Nachteile für Deutschland.

PekingChinas Touristen sind beliebt in Europa, denn sie bringen viel Geld mit. Aber während andere Staaten die Visaregeln lockerer auslegen, fürchtet Michael Rabe, Generalsekretär im Bundesverband der Deutschen Tourismuswirtschaft, Nachteile für die Branche in Deutschland.

Herr Rabe, spürt die deutsche Tourismuswirtschaft die Auswirkungen stagnierender Visazahlen aus China?
Die Gäste- und Übernachtungszahlen aus China legen seit vielen Jahren höchst dynamisch zu. Zwischen 2005 und 2015 hat sich beispielsweise die Zahl der Übernachtungen chinesischer Gäste in Deutschland nahezu verdreifacht. Von einer Stagnation der Gästezahlen kann somit bislang keine Rede sein und wir gehen auch nicht davon aus, dass es in absehbarer Zeit dazu kommen wird.

Also gibt es keine Auswirkungen?
Dennoch sind in China kursierende Informationen rund um eine vergleichsweise bürokratische Visavergabe natürlich kontraproduktiv und können das Wachstum im Vergleich zu Ländern mit einer einfacheren Visavergabe hemmen. Die deutsche Tourismuswirtschaft appelliert an die Verantwortlichen, hier ein Level-Playing-Field für alle Einreisestaaten herzustellen, sodass weder das Reiseziel Deutschland noch beispielsweise die deutschen Airlines, Luftverkehrsdrehkreuze oder auch der ansässige Einzelhandel unnötigerweise vom chinesischen Touristenwachstum abgekoppelt werden. Hier gilt es, gegenzusteuern – zum einen durch Aufklärung über bereits erfolgte Erleichterungen wie beschleunigte Verfahren und zusätzliche Visavergabestellen, die in diesem Jahr in China ihre Arbeit aufnehmen, zum anderen aber ganz besonders auch durch weitere Vereinfachungen bei der Visavergabe.

Wie wichtig sind chinesische Touristen für die deutsche Tourismuswirtschaft?
China rückt mit Riesenschritten an die Top-10-Quellmärkte Deutschlands heran. Im vergangenen Jahr lagen die chinesischen Gäste sowohl bei den Ankünften als auch bei den Übernachtungen in Deutschland (zum ersten Mal mehr als 2,5 Millionen Übernachtungen) auf Platz elf. Und das Wachstumspotential ist immens: Für 2030 rechnet die Branche bereits mit mehr als 5 Millionen Übernachtungen chinesischer Gäste in Deutschland.

Wie viel Geschäft geht durch die strengeren Visaprüfungen etwa an Frankreich verloren?
Dazu liegen uns keine belastbaren Zahlen vor. Wenn Touristen aus China jedoch über Flughäfen in Paris oder London in die Europäische Union einreisen, so entsteht in allererster Linie dort durch die Ausgaben der Reisenden Wachstum und Beschäftigung. Wirtschaftswachstum, das wir auch in Deutschland realisieren könnten.

Wie stark wirkt sich die Einführung der Biometrie im vergangenen Oktober auf Ihr Geschäft aus? Viele Touristen in China müssen ja jetzt tausende von Kilometern reisen, um ihre Fingerabdrücke für einen Antrag abzugeben.
Für eine konkrete Beurteilung der Folgen ist es noch zu früh. Da es sich bei dieser Maßnahme um eine Änderung handelt, die für den gesamten Schengen-Raum verbindlich ist, nicht nur für Deutschland, ist davon auszugehen, dass sie im Wettbewerb der europäischen Zielländer nur eine nachgeordnete Rolle spielen wird.

Was fordert die deutsche Tourismusindustrie mit Blick auf die Visavergabe in China?
Wir fordern ein möglichst unbürokratisches Vorgehen bei der Visavergabe, das die Lust aufs Reisen erhält und nicht verhindert. Wünschenswert wäre ein Europa-einheitliches Vorgehen bei der Vergabe. Ein Großteil der außereuropäischen und gerade auch der chinesischen Gäste reist nach Europa, nicht speziell nach Deutschland, Frankreich oder Italien. Hier gilt es zu prüfen, ob nicht ein einheitliches europäisches Visasystem mit gemeinsamen Vergabestellen und Vergabekriterien möglich ist. Dann wäre beispielsweise denkbar, dass die Botschaften der Euroländer in China allesamt für die Einreise auf EU-Gebiet zuständig wären. Ein Reisender könnte unabhängig vom Land seiner Einreise in die EU die für ihn nächstgelegene Antragstelle nutzen. Mindestens aber brauchen wir weitere Korrekturen und Vereinfachungen – sowohl bei den Rahmenvorgaben auf europäischer Ebene, wie sie aktuell auch diskutiert werden, als auch bei der konkreten Umsetzung durch die deutschen Behörden.

Herr Rabe, vielen Dank für das Interview.

Stephan Scheuer ist China-Korrespondent des Handelsblatts. Quelle: Mirela Hadzic für Handelsblatt
Stephan Scheuer
Handelsblatt / Korrespondent China
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