Der Werber-Rat
40 ist das neue 60

Manche Werber wollen nicht akzeptieren, dass sie älter werden und geben sich immer noch jugendlich. Dabei wächst, fast unbemerkt, eine neue, unkonventionelle Generation von Kreativen heran.
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Mein Gegenüber war so richtig in Fahrt. Die Arbeit werde nicht weniger, es sei der Wahnsinn. „60 ist das neue 40, da kann man halt nix machen.“ Mit dieser höchst verdichteten Quintessenz des vorangegangen Lamentos war das Thema durch. Und ich fragte mich, ob diese Allerwelts-Formel heute wirklich noch stimmt.

Manche Werber werden irgendwie nicht älter. Sie lassen sich Hipster-Bärte wachsen, ertüchtigen sich in lebensgefährlichen Trendsportarten, und nicht wenige tauchen urplötzlich mit sehr jugendlichen Profilbildern bei sozialen Netzwerken auf, um „auf Tuchfühlung zu gehen“. In ihren Agenturen sind sie nach wie vor auf der Suche nach Kampagnen und buchen zielsicher das 18/1 am Hauptbahnhof. Währenddessen wächst, scheinbar völlig unbemerkt, eine neue Generation heran. Junge Leute, die noch zu Hause wohnen. Oft ohne Abi, dafür aber mit jeder Menge sozialer Intelligenz gerüstet, starten die Youtuber durch. Sie füllen große Hallen und haben mehr Fans und Follower als die Borussia. Ihre Autogrammstunden geraten schnell außer Rand und Band — trotzdem habe ich noch nie etwas über sie gehört oder gelesen.

Dagi Bee. Ein plietsches Mädchen, das Schminktipps gibt, Videos über „die größten Mädchenprobleme“ ins Netz stellt — und dabei herrlich unaufgeregt für Vodafone und Burger King wirbt. Mehr als 900.000 Leute haben ihren Youtube-Kanal abonniert, ihre Episoden knacken nicht selten die Millionenmarke.

Auch ihre männlichen Kollegen tragen ihren Teil zum Phänomen bei: Erik Range kennt keiner. „Gronkh“ schon: Erik hat mehr als drei Millionen Abonnenten, die sich täglich auf seine humorvollen Besprechungen von Videospielen wie „minecraft“ freuen.

Respektlose News? Gibt’s beim ehemaligen Psychologiestudenten Florian Mundt, alias „LeFloid“. Sein Lohn: zwei Millionen Abonnenten, 200 Millionen Abrufe. Wahnsinn.

Erfolgreiche Youtuber bieten Content, der auch für Marken hochinteressant ist. Deshalb verdienen nicht wenige ein sechsstelliges Jahressalär. Höchste Zeit, aufzuholen — und diese neue Generation von Kommunikationsspezialisten ernst zu nehmen. Das mit dem Hipster-Bart kann ich mir ja noch mal überlegen.

Der Autor:
Armin Jochum ist Vorstand Kreation und Co-Gründer der Agentur Thjnk. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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