Der Werber-Rat
Absolute Mehrheit

Wer Teil des Ganzen ist und trotzdem heraussticht, dem gelingt es, viele Menschen hinter sich zu bringen. Das ist ein bekanntes Prinzip, das auch erfolgreiche Werbefiguren genutzt haben.
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DüsseldorfIn der Politik wie in der Werbung geht es oft darum, Mehrheiten zu gewinnen und in den sozialen Netzwerken gilt es, Follower zu generieren. Aber die absolute Mehrheit ist ein selten realisierter Traum und eng gekoppelt an die Sorge, dass die Massen in Deutschland erneut rechtsradikalen Idealen blind folgen könnten. Auch für andere, nicht immer sinnige Ziele sind Menschenmassen zu gewinnen. Oft können sie nicht sagen, warum sie folgen.

In seinem Format „Absolute Mehrheit“ zeigt Stefan Raab, dass man mit klaren Meinungen kaum mehrheitsfähig ist. Es wird sogar deutlich, dass dies mit Reden überhaupt schwer möglich ist. Denn der Einzige, der bisher eine absolute Mehrheit erringen konnte, war Sido. Ein Rap-Musiker mit bürgerlichem Namen Paul Würdig. Geredet hat er nicht viel.

Zugehört hat er den anderen auch nicht immer. Das gab er offen zu. Was ihn zum Sieger machte, waren weniger seine Meinungen zur Legalisierung von weichen Drogen, Wahlrecht ab 16 Jahren oder Begrenzung von Boni. Denn er lag gleich von Beginn der Diskussion an mit einer Zustimmung von über 50 Prozent vorne. Seine Fans werden ihm blind gefolgt sein. Damit ist nicht gesagt, dass die Follower grundsätzlich anderer Auffassung sind als er. Nur folgen sie wahrscheinlich aus anderen Gründen: Sie können sich in der weniger redegewandten Position des Rappers eher wiederfinden als in der rhetorischen Überzeugungsarbeit der Politgrößen. Sido verkörpert ihren Mainstream. Schon die äußere Wandlung vom Totenkopfmaskenträger zum braven, gleichwohl modernen Scheitel-Brillen-Outfit zeigt, wie der ehemalige Rüpel-Rapper Aufmüpfiges mit bürgerlich Spießigem versöhnt.

Ausrasten ohne anzuecken bringt heute Mehrheiten. Denn Ausrasten wird als menschliches Zeichen der Hilflosigkeit gewertet. Solange sich anschließend entschuldigt wird, eckt Sido noch nicht einmal damit an. Vielmehr zeigt er, wie man die Sympathien der Communities sichert und trotzdem auffällt. Teil des Ganzen sein und dennoch herausstechen. Ein Prinzip, das auch erfolgreiche Werbefiguren, wie der Marlboro Mann genutzt haben: Freiheit und Abenteuer tagsüber, aber abends mit der Freundesfamilie am Lagerfeuer sitzen und die gut eingezäunten, spießigen Werte abfackeln.

Die Autorin:

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon. Sie ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Ines Imdahl ist Psychologin sowie Inhaberin und Geschäftsführerin des Rheingold-Salons. Quelle: Ulrike Reinker
Ines Imdahl
/ Psychologin, Inhaberin Rheingold Salons

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