Der Werber-Rat
Apokalyptiker haben Hochkonjunktur

In der Krise mangelt es nicht an Schwarzsehern und Besserwissern. Doch reden ohne zu handeln, bringt wenig. Bodo Hombach schreibt, warum man erst den Fuß auf der Bremse haben muss.
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„Den Unbedenklichen, die niemals zweifeln / begegnen die Bedenklichen, die niemals handeln. / Sie zweifeln nicht, um zur Entscheidung zu kommen, sondern / um der Entscheidung auszuweichen. Ihre Köpfe / benützen sie nur zum Schütteln. Mit besorgter Miene / warnen sie die Insassen sinkender Schiffe vor dem Wasser.“ (Bertolt Brecht)

Mein Fahrlehrer drückte das Gleiche mit anderen Worten aus: „Wenn ich dich einmal dabei erwische, dass du auf die Hupe drückst, ohne vorher den Fuß auf der Bremse zu haben, fliegst du raus.“ Ich war zu verdattert, um ihn sofort zu verstehen. Heute gehört er für mich zu den namenlosen Weisen im Lande.

In der Krise mangelt es nicht an Schwarzsehern und Besserwissern. Apokalyptiker haben Hochkonjunktur. Sie lassen den Finger nicht mehr von der Hupe und geben gleichzeitig Gas. Sie haben alles schon immer gewusst und würden so gerne recht behalten.

Das lassen sie sich einiges kosten, vor allem Zeit und Mühe. Sie besprechen das Problem, anstatt es zu lösen. Sie sind mit der Ankündigung der Katastrophe so sehr ausgelastet, dass sie zu ihrer Verhinderung nichts beitragen können.

Zurzeit droht die Energiewende am Hupkonzert der Untergangspropheten zu scheitern. Sie fallen aus allen Wolken, dass man den nachhaltig produzierten Strom auch im Lande verteilen muss. Sie rufen Wehe, dass Wind- und Solarstrom teuer ist. Wenn schon einen Paradigmenwechsel, bitteschön zum Nulltarif.

Hupen gehört auch zum Handwerk der Medien. Dort ist es das aufgeregte Schnattern in den Talkshows. Emphatisches Warnen vor dem Asteroiden, der auf die Erde zurast, macht sich besser als Kindern gefahrlos über die Straße zu helfen. Und welch ein Hochgefühl, den faulen Griechen gegen ihre Todesangst den Selbstmord zu verordnen!

Was kann man tun? Wer den gefährdeten Fußgänger wirklich retten will, der hat den Fuß auf der Bremse, bevor er ihn per Hupe warnt. Er will nicht sein Recht behaupten und Sieger bleiben. Er will, dass der Schwächere überlebt. Das könnte eines Tages auch ihm das Leben retten.

Aber auch Bremsen kann gefährlich sein, dann nämlich, wenn man Tempo braucht, um überhaupt noch manövrieren zu können. Die Titanic war verloren, als der Kapitän „Volle Kraft zurück!“ befahl. Das nahm den Druck vom Ruder, ein Ausweichen wurde unmöglich. Besonnen, abwägend und angemessen reagieren ist Tugend, die es gegen Überzeugungstäter und fidele Vereinfacher massiver zu verteidigen gilt.

Der Autor: Bodo Hombach ist Hochschullehrer und ehemaliger WAZ-Chef. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare zu " Der Werber-Rat: Apokalyptiker haben Hochkonjunktur"

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  • Ist das der Blick von Ihrem Wohnzimmer in den Garten, Sie Handlungsweiser?

    Im Netz der Unsäglichkeiten wird an der Wirklichkeit vorbei schwadroniert. Das ist die Apokalypse. Abgeguckt hat man sich das wohl an den Talk-Shows. Da nämlich findet man die Vorbilder für die millionen Geisterfahrer.




  • H. Hombach würde es sicherlich nichts ausmachen, wenn wir eine Inflationsrate von 10 % und mehr bekommen. Sein Geldbetel wird das locker verkraften. Wer aus ideologischen Gründen ( Öko-Fetisch ) sein Volk ruiniert und es dabei noch durch dummes Geschwätz versucht mundtot zu machen, passt sehr gut ins System unserer Staatsratsvorsitzender ! Ich würde das Szenario lapidar folgend beschreiben : Wenn es dem Esel zu wohl wird, gehr er aufs Glatteis..! Ds ist wohl treffender, als der Fahrlehrer mit der Bremse..!!!

  • Die Amerikaner wuerden sagen.Right on
    Ich folge seit meinem kurzen Aufenthalt in der Republik ein wenig den Kommentaren.
    Dort sind natuerlich die Professionellen Spaet 68er vertreten,die an den US kein gutes Haar lassen.
    Der Untergang dieses Landes wird in der nahen Zukunft prophezeit.Was das bedeutet wissen die wenigsten.
    Die gruenen Gurus leben in einer Traumwelt.
    Die Bedenkentraeger wollen alles nur keine Aenderung.
    Die Welt aendert sich aber.
    Falls es noch nicht bemerkt wurde
    Internet
    Soziale Netzwerke
    Erneuerbare Energien
    Megacities
    Sind auf dem Vormarsch.
    Diese Aenderungen sind zu akzeptieren und zu verarbeiten.
    Wer es nicht macht faellt einfach durch den Rost.
    Die Jungen haben das schon bemerkt.
    Stagnation ist der Rueckschritt.

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