Der Werber-Rat
Babys im Internet

Würden Sie Ihre Familienfotos fremden Leuten auf der Straße zeigen? Im Web aber posten viele ungeniert Bilder ihrer Kleinen – Tendenz steigend. Aber auch Babys haben ein Recht auf Wahrung ihrer Privatsphäre.
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Gerade ist die re:publica 2015 zu Ende gegangen, die Konferenz hat sich mit allen großen Fragen der digitalen Gesellschaft beschäftigt: Datenschutz, Privatsphäre und die Zukunft der Arbeit und des Lebens allgemein. Es gab zum Beispiel ein Panel mit dem Titel „Wie privat ist privat? – die tägliche Entscheidung eines Familienbloggers“.

Auch Spreeblick-Blogger und re:publica-Gründer Johnny Haeusler hat kürzlich über „Kinderfotos ins Netz – ja oder nein?“ räsoniert. Und es wird über Altersgrenzen diskutiert. Ab wann kann oder sollte man überhaupt was posten? Jeder hat andere Antworten auf diese Frage. Das ist völlig okay, denn der digitale Fotoboom ist verglichen mit der analogen Fotografie noch neu.

Die Hamburger Hebamme Livia Görner spricht in ihrem Buch „Die Wahrheit übers Kinderkriegen“ von einem wahren Fotoboom direkt nach der Entbindung. Sobald das Baby die schützende Gebärmutter verlässt und im Arm der Mutter liegt, macht man das Neugeborene „fotofertig“. Und idealerweise wird das Event der Geburt gleich in Echtzeit gestreamt.

Jeder von uns hat ein Recht am eigenen Bild. Ist das bei Babys anders? Hat das Persönlichkeitsrecht etwas mit dem Alter zu tun? Ich sage: nein.

Vor drei Wochen wurde unsere zweite Tochter geboren. Unsere erste Tochter ist mittlerweile fünf Jahre alt. Trotz fortschreitender Digitalisierung hat sich in den wenigen Jahren seit ihrer Geburt eines für mich nicht verändert: Kinder gehören nicht ins Netz! Eine Woche nach der Geburt habe ich lediglich die Hände meiner beiden Töchter auf Facebook gepostet. Das war alles. Das muss genügen. Keine Fotoblogs, keine Kreißsaal-Fotos, kein Instagram-Baby.

Immerhin: Inzwischen sind viele genervt von der Flut der Babybilder im Newsstream. So sehr, dass Chris Baker, der bis 2013 bei Buzzfeed gearbeitet hat, ein Browser-Plugin entwickelt hat, das Babyfotos gegen Katzenbilder austauscht. Damit traf er offensichtlich einen Nerv. Er spricht von über 40 Millionen Klicks und 170 TV-Features. Sind wir tatsächlich genervt oder ist es doch ein Unwohlsein, dass unsere Kinder im Web so in Szene gesetzt werden?

Ich persönlich habe mich gegen die Zurschaustellung im digitalen Raum entschieden und halte es wie im „echten“ Leben. Würden Sie etwa Ihre intimen Familienfotos absichtlich in einer Bar liegen lassen oder fremden Passanten auf der Straße zeigen?

Die Autorin: Franziska von Lewinski ist Vorstand der Agentur Fischer-Appelt. Sie ist eine von sechs Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Franziska von Lewinski
/ Kolumnistin

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