Der Werber-Rat
Barrierefrei gestaltete Wahlwerbung

Politische Überzeugungen sind keine Produkte und Parteien keine Unternehmen. Deshalb brauchen sie auch keinen Markenkern, keine Verkäufer, sondern Überzeugte, die ihre Positionen verteidigen.
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Wetten? Wenn die Europawahl gelaufen ist, kommen die Politikverkäufer aus der Deckung, die nach den enttäuschenden Ergebnissen fordern, ihre Partei müsse sich mehr auf ihren Markenkern besinnen. Dann kämen die Wähler schon wieder. Doch das ist Unfug.

Wer von seinem Markenkern spricht, will verkaufen. Politiker sind aber nicht dazu da, Parteien zu verkaufen. Politik soll zuvörderst Gesellschaft organisieren, nicht Mehrheiten. Dazu müssen Parteien Überzeugungen vertreten, für die sie wirklich einstehen. Nicht irgendwelche, nur weil die gerade mehrheitsfähig sind.

Manche zunächst unpopuläre Überzeugung hat sich durchgesetzt und später als visionär erwiesen, weil jemand für sie einstand und mit Leidenschaft warb. Klare Überzeugungen, nicht fromme Wünsche, erzeugen die nötige Reibung, um Gesellschaft zu gestalten und ihr Zukunft zu geben. Aber wird uns wirklich heiß bei so barrierefrei gestalteten Wahlwerbeslogans wie "Gute Arbeit und starke Wirtschaft. So will ich Europa" (CDU) oder "Ein Europa der Menschen, nicht des Geldes" (SPD)? Sie sind nur darauf aus, schnell Mehrheiten zusammen zu klauben, aber ungeeignet, am Ende Konsens über das gesellschaftlich Notwendige herzustellen.

Weil Überzeugungen keine Produkte und Parteien keine Unternehmen sind, brauchen sie keinen Markenkern. Und keine Verkäufer. Sondern Überzeugte, die ihre Positionen auch dann vertreten, wenn der Wind von vorne kommt. Damit gewinnt man Profil und Glaubwürdigkeit - nicht, indem man dem Volk nach dem Mund redet.

Gerade jetzt böte die Krise der Ukraine allen Parteien Gelegenheit, ihre Idee von Europa klar zu definieren, jenseits der populären Gurkenkrümmungs- und Bürokratieabbauparolen. Ich unterstelle, sie meiden bewusst diese Hitze. Weil die Stimmungslage ja überraschend pro Wladimir Putin scheint. Dabei schmiedet man seine Überzeugungskraft doch in der heißen Glut, nicht in der lauwarmen Asche.

Politiker sollten sich weniger Gedanken über die werbliche Verpackung als vielmehr über die Substanz ihrer Ideale und Ideen machen. Was sie von Marken wirklich lernen können: Vertrauen ist langfristig wichtiger als Gefallen. Wetten?

Der Autor:

Torben Bo Hansen ist Mitinhaber der Agentur Philipp und Keuntje. Er ist einer von sechs Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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