Der Werber-Rat
Barrosos Kommunikationsdesaster

Rumpelstilzchen verstand es, Stroh zu Gold zu spinnen. Die europäischen Rumpelstilzchen von heute dreschen das Gold einer grandiosen Idee zum Stroh ihrer Paragrafen und Fußnoten.
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Demnächst wählt Europa. Die Rechte formiert sich grenzüberschreitend. Sie wird Europa-Skepsis schüren und daran wachsen. Europa-Verantwortliche machen es ihnen leicht. Die positive Handelsbilanz eines Staates ist die negative eines anderen. Natürlich runzelt man dort die Stirn, fragt aber selten nach den Gründen im eigenen Haus.

Wenn Kommissionspräsident José Manuel Barroso Mitte November vor die Presse tritt und den Deutschen wegen ihres Exporterfolgs so die Leviten liest, dass die nur missverstehen können, dann hat er als Kommunikator versagt. Sein Vize Olli Rehn ist uns Deutschen zwar zur Seite gesprungen - die Philippika des Chefs aber macht das nicht vergessen. Wer schämt sich schon gern für ehrlich erworbene Erfolge? Den antieuropäischen Populisten schwillt das Umfragekonto.

Man kann auch Nachdenkenswertes zur falschen Zeit und kontraproduktiv von sich geben. Das wichtigste Geberland in ohnehin schwindender Geberlaune wird vergrätzt, bei anderen Neid statt Nachmachen geschürt.

Die Bürger sind im Grundsatz (noch) europäischer gesinnt als ihre politische Kaste. 82 Prozent stimmten bei einer Forsa-Umfrage sogar für eine gemeinsame Verteidigung. Gegen seine Freunde will niemand mehr Wälle und Gräben errichten. Doch eine riesige Distanz bleibt - nicht zwischen den Völkern, sondern zwischen den Bürgern und ihren berufenen Hütern der EU - was sich insbesondere an deren Banken- und Finanzpolitik zeigt.

Wen aber hinter den Glasfassaden in Brüssel das große Ganze nicht mehr überzeugt, rettet sich offenbar gern in die kleinen Teile. Ein Heer von Erbsenzählern sucht statt des größten gemeinsamen Vielfachen den kleinsten gemeinsamen Nenner. Rumpelstilzchen verstand es, Stroh zu Gold zu spinnen. Die europäischen Rumpelstilzchen von heute dreschen das Gold einer grandiosen Idee zum Stroh ihrer Paragrafen und Fußnoten. Machen Sie ein Experiment! Behaupten Sie, gerade hätten „die da“ in Brüssel verfügt, jeder Wellensittich hätte ein Anrecht auf eine eigene Schaukel. Man wird es glauben. Das ist ein Grund zur Sorge. Europa braucht wieder größere Ziele.

Der Autor:

Bodo Hombach ist Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik und Vorstand der Brost-Stiftung. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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