Der Werber-Rat
Berlin – eine Hauptstadt ohne Vision

Von allem ein bisschen – das ist Berlin. Doch um zu einem attraktiven Wirtschaftsstandort zu werden, braucht die Hauptstadt vor allem ein klares Profil. Sonst bleibt Berlin gefangen im ewigen Werden.
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Berlin besitzt wieder magische Anziehungskraft: Erstmals seit 1945 leben mehr als 3,5 Millionen Menschen in der Stadt. Die von den Medien bejubelte Start-up-Szene beschäftigt inzwischen 135.000 Menschen, und über 6.000 Künstler bevölkern die Ateliers. Das Geschäft mit dem Tourismus boomt, vor allem weil die kulturelle Vielfalt Berlins - nicht nur in Deutschland - ihresgleichen sucht. Berlinale, Fashion-Week und diverse Kunst-Events sind zudem attraktive Leuchtturmveranstaltungen, die mithalfen, dass man sich sukzessive von den unteren Plätzen der Städterankings wegbewegt hat. Berlin und ihre Vermarkter scheinen alles richtig gemacht zu haben.

Nur Wirtschaftsstandort ist Berlin nicht. Das bestätigt eine Imagemessung von Berlin Partner vom letzten Jahr. Der Fall der Mauer, die Wiedervereinigung und der Freiraum, den junge, kreative und lebensdurstige Menschen hier finden, prägen immer noch das Bild der Stadt. Arm, aber sexy war gestern. Arm, aber überfordert beschreibt, was heute in Berlin passiert. Nicht erst seit dem Desaster um den Willy-Brand-Flughafen fragt sich alle Welt, warum Großprojekte hier nicht klappen. So verschandeln seit Monaten unzählige Baustellen die Mitte rings um das Regierungsviertel und den Boulevard Unter den Linden.

Berlin ist von allem ein bisschen: Ein bisschen Kunst, ein bisschen Medien, ein bisschen Film, ein bisschen Internet, ein bisschen Regierungssitz. Um jedoch attraktive Investoren nach Berlin zu locken, die Arbeitsplätze schaffen und die dringend notwendigen Infrastrukturverbesserungen zu schaffen, braucht die Stadt ein klares Profil, das Orientierung bietet. Kein Wunder, dass wichtige Internetplayer wie Google und Facebook ihren Hauptsitz in Hamburg haben. Die vielbeschworene hippe Gründerszene in Berlin dagegen besteht überwiegend aus Einzelkämpfern, die sich mangels attraktiver Arbeitsplätze aus purer Not selbstständig machen, wie die KfW meint.

Offensichtlich kann sich Berlin nicht befreien von dem ewigen Werden, das der Berlinflaneur Karl Scheffler schon 1910 feststellte. Eine Stadt ohne Vision und langfristige Strategie verspielt die gestaltende Kraft, die sich aus einer klaren Vorstellung von dem ergibt, wohin der Weg geht.

Noch lebt Berlin vom coolen Hauptstadtbonus. Doch mit steigenden Mieten, anhaltendem Chaos im Nahverkehr und desaströsem Management bei Großprojekten verliert Berlin nicht nur Sympathiepunkte, sondern auch Business. Wenn Berlin mit Metropolen wie London, Paris und New York mithalten will, braucht es eine Vision, die sich in einer weltweit strahlenden Marke bündelt.

Die Autorin:

Uli Mayer-Johanssen ist Gründerin und Chefin der Markenagentur Meta-Design in Berlin. Sie ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Uli Mayer-Johanssen
Uli Mayer-Johanssen
/ Kolumnistin

Kommentare zu " Der Werber-Rat: Berlin – eine Hauptstadt ohne Vision"

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  • So eine Vision hatte vor Jahren schon einmal jemand. Die "weltweit strahlenden Marke" nannte sich damals "Drittes Reich" bzw. "Nazis" und der Visionär war Albert Speer.

    Angesichts unserer kriegerischen Aktivitäten sollten wir vermeiden Politik und Wirtschaft an den gleichen Standorten zu manifestieren.

    Ach war das noch schön als Politik noch in Bonn gemacht wurde - da war der Rhein eine natürliche Grenze für den politischen Wahnsinn.

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